flaschenpost-leipzig
Volkmar Wirth (ehemals Wirth-Kresse)

 

 

 

 

 

SCHACHBRETTTAGE
Roman von Jörn Birkholz, 2014

Jeder Jungautor kann ein Lied davon singen: sein erstes Buch ist auf dem Markt und die Erde dreht sich trotzdem weiter. Allein 2017 gab es in Deutschland rund 72.000 Neuerscheinungen auf dem Buchmarkt, da gerät schon mal ein Buch unter den Radar. Also beschließt der Held von Schachbretttage, einschlägige Buchhandlungen gleich selbst zu kontaktieren und auf seinen Darauf-hat-die-Welt-gewartet-Schmöker hinzuweisen. Dass bei den Telefonaten irrwitzige Gespräche entstehen, ist zu erwarten, hinreißend, ja saukomisch aber, wie Birkholz die wenig ertragreiche Odyssee per Telefon beschreibt.

Nach der Werbekampange trommelt sich der junge Autor die Seele aus dem Leib, um an ein paar Lesungen mit seinem Werk zu kommen. Nach dem Motto: wenn schon keiner das Buch kauft, will man doch wenigstens dessen Leser kennenlernen. Und so wird der Autor auf seiner Tour von Desinteresse und Missgunst begleitet, die einzig von den absurden, also realen Erlebnissen in den verschnarchten Pensionen und mit ihren Sternen funkelnden Hotels, in den Büchereien und Buchhandlungen getoppt werden.

Birkholz schreibt respektlos und in einem, um mit seinen Worten zu sprechen, Affenzahn. Dass er auf den letzten Seiten dann noch den geneigten Leser an der Nase herumführt, mag zunächst irritieren, besticht schließlich mit einer überraschenden Unvorhersehbarkeit.
April 2019

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DIE TAGESORDNUNG
von Éric Vuillard, 2017, dt. 2018

Der französische Autor lässt kaum ein Stilmittel aus, um auf etwas mehr als einhundert Seiten den Aufstieg Hitlers zu beleuchten. Mal anekdotisch, mal essayistisch, dann wieder einer Chronik entsprechend unterkühlt sachlich, um wenig später voller Sarkasmus zum Beispiel die Pannen der ‚erfolgreichsten Armee‘ zu beschreiben, die beim ‚Anschluss‘ von Österreich auf der Strecke blieb.

Die deutschen Leser kennen Vuillards Methode, das Arbeiten mit historischen Versatzstücken von Alexander Kluge. Doch der Franzose geht einen Schritt weiter, er scheut sich nicht die Komik in den Begebenheiten bloßzulegen. (Die Szene, in der Hitler den österreichischen Kanzler Kurt von Schuschnigg erst maßregelt und beschimpft, schließlich hinhält, hat schon groteske Züge.)
März 2019

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DER KOMMANDANT
von Jürg Amann, 2011

Ammans Text beruht auf den Aussagen von Rudolf Höß, die der einstige Lagerkommandant nach seiner Verhaftung niederschrieb. Amann versichert in seinem Nachwort, den Text von Höß lediglich gekürzt und einige Passagen umgestellt zu haben.

Der Monolog unterstreicht, was an anderer Stelle bereits unterstrichen wurde: Der Kommandant von Auschwitz war nicht jene Bestie, die man sich mit dem Wissen um das Geschehen in dem KZ von dem Mann gern gemacht hätte. Höß war Familienmensch und Soldat. Bereits mit siebzehn Jahren unterstand ihm ein kleiner Trupp älterer Soldaten. Er verlor früh seine Eltern und hatte dennoch Mühe, sich vom Wunsch des Vaters zu lösen: Dieser sah für seinen Sohn nur den Beruf eines Priesters als sinnvoll an. Höß rettete sich zur Armee. Befehle hinterfragte er nicht, er befolgte sie, wenn möglich, im vorauseilenden Gehorsam.

Sein unmittelbarer Vorgesetzter, Heinrich Himmler, beschrieb 1943 in einer Rede, die er in Posen hielt und bei der er die ‚Endlösung der Juden‘ thematisierte, genau jenen Typ Mensch, der mit seinem Handeln und Denken das ermöglichte, was einem gesunden Menschenverstand zuwiderläuft. „Von Euch werden die meisten wissen, was es heißt, wenn 100 Leichen beisammen liegen, wenn 500 daliegen oder wenn 1000 Leichen daliegen. Dies durgehalten zu haben und dabei – abgesehen von Ausnahmen menschlicher Schwäche – anständig geblieben zu sein, das hat uns hart gemacht.“
Februar 2019

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DAS DRITTE LICHT
Erzählung von Claire Keegan, 2010, dt. 2013

Ein Mädchen wird von ihrem Vater zu Verwandten gebracht. Der Vater flieht der Situation, ohne zu sagen, wann er das Kind abholen wird. Selbst die Kleidungsstücke des Kindes vergisst er in seiner Eile auszupacken. So wird das Mädchen von Mrs Kinsella, der Tante, mit Sachen eingekleidet, die sie dem Schrank entnimmt. Später erfährt das Mädchen, dass sie die Hose und das Hemd von Kinsella junior trug.

Das Mädchen ist verwirrt, meinte die Tante doch, es gäbe bei ihnen keine Geheimnisse, dabei ist Kinsellas einziger Sohn tödlich verunglückt. So ist es folgerichtig, dass das Mädchen, als der Sommer sich dem Ende neigt und es zum trinkfreudigen Vater und der überforderten Mutter zurück gebracht wird (ohne heimzukehren), den Grund ihrer Erkältung für sich behält. Es sei nichts passiert, entgegnet sie der Mutter – und bewahrt damit ihr erstes Geheimnis. 

Keegan bedient sich in Das dritte Licht einer Sprache, die lieber aus- und weglässt, statt ein Wort zu viel zu verlieren. Das ist reizvoll und verlockt, die eigene Phantasie zu aktivieren. Es liegt am Leser, einzelne Szenen oder manche Dialoge zu Ende zu denken.
Januar 2019

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VOLK OHNE MITTE
Götz Aly, 2015

Es wird schwierig, der heute vorgetragenen Versicherungen vieler Parteien zu vertrauen, die von sich sagen, nur sie würden die Mitte der Gesellschaft vertreten, ist man mit Alys Buch Volk ohne Mitte in Berührung gekommen. Genau dies, ein Volk ohne Mitte, zeichne die Deutschen aus, behauptet und belegt Aly in seiner Sammlung von Reden und Aufsätzen. Im Laufe seines Berufslebens nahm sich Aly immer wieder der Frage ‚Die Deutschen zwischen Freiheitsangst und Kollektivismus‘ an. Dass sich der Autor mit seinen Arbeiten nicht nur Freunde gemacht hat, zeigen die beiden letzten Aufsätze. Anhand der Vertuschung der NS-Vergangenheit in der jungen und nicht mehr jungen BRD greift Aly auf Arbeiten von Kollegen oder namhaften Instituten zurück und belegt geduldete Kungeleien und gesellschaftlich gewolltes Weggucken. Und wenn die Geschichte im Kreise von promovierten Historikern oder dem Max-Planck-Institut aufgearbeitet wurde, trug rasch jeder einstige Täter den Mantel des Opfers.
Dezember 2018

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LOLA BENSKY
von Lily Brett, 2012, dt. 2015

Die junge australische Reporterin Lola Bensky interviewt die Größen des Musikgeschäfts der späten sechziger Jahre. Sie sitzt mit Jimi Hendrix, Brian Jones oder Mick Jagger zusammen und plaudert über nerviges Lampenfieber, passsende Dröhnungen oder über zügellosen Sex. Dabei bedient Brett mal den leichtfüßigen Tonfall einer Bravo-Lektüre, dann wieder den einer Fallstudie aus einem populärwissenschaftlichen Handbuch. Und nebenher quälen die junge Reporterin Gedanken, mit welcher Diät sie als nächstes ihren Körper schwächen könnte. Die permanente Klage, erneut zugenommen zu haben, obschon Lola Bensky jede Waage meidet, wird erst schlüssig, wenn die Protagonistin von ihrer Kindheit und ihren Eltern erzählt. Mit dem Wissen um ihrer Herkunft verblasst das zuweilen belanglose und raumgreifende Geplauder zwischen den Sternen der Musik und der jungen Reporterin. In ungemein lockerer, zeitweise bissiger Sprache gelingt es Brett, die Frage nach einer möglichen Kindheit zu stellen, deren Eltern Auschwitz überlebt haben. Wie wächst man neben einer Mutter auf, die jeder Frage des Kindes ausweicht, stattdessen Vorwürfe an die übergewichtige Tochter richtet, denn dick waren nur die SS-Leute. Wie findet ein Kind Freude am Leben, wenn die eigene Mutter täglich den Umstand beklagt, dass sie (im Lager) nicht gestorben ist.

November 2018

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DIE DRITTE SEITE

von Primo Levi, 1986, dt. 1992

ICH SUCHE NACH EINER LÖSUNG, ABER ICH FINDE SIE NICHT

P. Levi im Gespräch mit Ferdinando Camon, 1987, dt. 1991

IST DAS EIN MENSCH?

von Primo Levi, 1958, dt. 1991

Mit der nötigen Distanz eines Chemikers, der sich den Elementen nähert, ging Levi in seinen Büchern der Frage auf den Grund, was einen Menschen ausmacht. Und mit der Erfahrung, die ihn als Häftling in Auschwitz prägten, mochte die Antwort gleichsam auf der Hand liegen. Doch Levi überraschte stets, indem er selten den Blick des Betrachters, des Chronisten verließ. Er fällte keine Urteile und misstraute jeder Bewertung, verschwieg in seinen Schilderungen dennoch keine Ungeheuerlichkeit, zu der ein Mensch fähig war. Die dritte Seite bündelt seine Aufsätze, die für die italienische Tageszeitung ‚La Stampa‘ schrieb. In Ich suche nach einer Lösung zeigt sich Levi als Zweifelnder, der im Diskurs um ehrliche Argumente in der Sinn-Frage ringt. Ist das ein Mensch? gilt als eine der wichtigsten Sammlungen, die sich den Episoden und Porträts aus dem Lager literarisch annahmen.
20.10.2018

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SCHREIBEN ODER LEBEN
von Jorge Semprun, 1994, dt. 1995

In den Büchern, die ich von Semprun kenne, war es stets die eigene Geschichte, die der Autor in den Kontext der Gesellschaften stellte, in denen er lebte. Als Widerstandskämpfer in der Résistance und gegen das spanische Franco-Regime, als Insasse im KZ Buchenwald, als eifriger, dann gefallener Kommunist und als Ex-Minister, Semprun sammelte genug Erfahrungen, um sich schreibend gleichermaßen mit Ideologien und moderner Lyrik, mit Floskeln der Weltbefreiung und einem Brief auseinanderzusetzen, den Heidegger gegenüber Celan unbeantwortet ließ. 

Schreiben oder Leben ist Sempruns komplexe Annäherung an das eigene Schaffen. Reich an Assoziationen und fortwährenden Zeitsprüngen stellt der Autor die Fragen nach dem Woher und dem Warum. Den Antworten, die er findet oder die sich ihm anbieten, misstraut er rasch, was ihn wiederrum zum noch genaueren Graben und Bohren beflügelt.

Sempruns Schilderungen vom Leben und Sterben in dem Konzentrationslager bei Weimar lesen sich neben den tagespolitischen Themen, die von einer Vogelschiss-Debatte oder den gezielten Störungen bei Führungen in KZ-Gedenkstätten geprägt sind, kraftvoller, weil entschiedener als je. Semprun war alles andere als ein Propagandist, dennoch kann der Ruf „Wehret den Anfängen!“ nur der überlesen, der auf dem rechten Auge blind ist – und das linke geschlossen hält.
13.09.2018

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UNTERTAUCHEN
von Lydia Tschukowskaja 1972, dt. 2015, 2017

Für dieses Buch wurde die Autorin, der es zu verdanken ist, dass das Werk von Anna Achmatowa gerettet wurde*, 1974 aus dem sowjetischen Schriftstellerverband entlassen. (Im selben Jahr warf man auch den kürzlich verstorbenen Autor und Satiriker W. Woinowitsch aus dem Verband – und A. Solschenizyn wurde des Landes gewiesen.) Dabei beschreibt Untertauchen lediglich die eigene Geschichte, die Tschukowaskaja Revue passieren lässt.

In einem Heim für Schriftsteller kommt die Ich-Erzählerin im Frühjahr 1949 allmählich zur Ruhe und – trotz der Ungewissheit um ihren Ehemann, den man elf Jahren zuvor verhaftete – zum Arbeiten. Bei ihren Spaziergängen, die sie zwar am liebsten allein unternimmt, lernt sie dennoch andere Heimbewohner kennen. Und so erfährt sie von einem Autor, dass hinter dem Urteil, das ihrem Ehemann zugesprochen wurde, ‚zehn Jahre Haft mit Briefverbot‘ die sofortige Erschießung stand. Und da 1949 noch lange nicht die Repressalien beendet und die wahllosen Verhaftungen abgeschlossen sind, steuert die Geheimpolizei eines Nachts sogar das beschauliche Domizil der Schriftsteller an.


Untertauchen
gehört zu jenen Büchern, die durch ihre Wucht der zu erzählenden Geschichte bestechen, weniger vom avantgardistischen Stil und der subtilen Wortakrobatik.

Dem vorliegenden Band ist die Rede der Autorin beigefügt, die sie kurz vor ihrem Ausschluss aus dem Schriftstellerverband hielt. Diese Ansprache macht nochmals die ganze Wucht des erlittenen Schmerzes deutlich: die Funktionäre des Verbandes schoben sie zur Seite und belegten sie quasi mit Berufsverbot, weil sie das Brennglas über die Wunden der sozialistischen Republik hielt: Verhaftung und Verbannung, Lagerhaft und Exekution.

*) in ihrem Buch Ein leeres Haus geht die Autorin genauer auf die abenteuerliche Rettungen der Gedichte durch Auswendiglernen ein
August 2018

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VORRAUM DER KINDHEIT

von Patrick Modiano, 1991, dt. 2014

Es erstaunt mich immer wieder, wie scheinbar leicht und unkompliziert der Autor die losen Fäden, derer er eher zufällig habhaft wird, aufnimmt und mit ihnen seine Geschichten zaubert. Keine Begegnung, keine Lichtspiel im Jetzt, die Modiano nicht an frühere Begegnungen und Lichtspiele denken lässt. Kaum ein Buch, in dem der französische Autor nicht im Heute klare wie eindeutige Verbindungen zu seinem Stammbaum (erschienen 2005) entdeckt. 

Dass, wie in Vorraum der Kindheit, ein älterer Mann auf eine junge Frau trifft, die er zu kennen glaubt, mag sicher schon den einen oder anderen Autor zum unbedingten Schreiben gedrängt haben. Es ist aber einzig Modiano, der so beiläufig, so herzerfrischend einer vielschichtigen Romanze jenen flirrenden, völlig unsentimentalen Ton verleiht, dass man dem Zufall oder dem Freund dankt, der einem das Buch empfahl.


August 2018

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EINE FRAU
Novelle von Marcel Möring, 2007, dt. 2009

Laura ist eine 60-jährige Frau, die ihre Gaststätte wie ihr Hotel umsichtig und konsequent führt. Durch einen Vorfall, sie will den Streit einer Hochzeitsgesellschaft schlichten, wird die Icherzählerin an eine Geschichte erinnert, die sie einst an den Rand der Selbstaufgabe trieb. Stattdessen geht sie für ein paar Jahre nach Australien, um auf einem Weingut den Haushalt zu führen. Und nun, fünfundzwanzig Jahre nach der Tragödie, reißen die Wunden, die sie verheilt glaubte, wieder auf.

Möring, der mit Eine Frau das Thema von Harry Mulischs Zwei Frauen aufgreift, schildert Lauras erneutes Stolpern leise, fast verhalten. Das Buch ist reich an Emotionen und Überraschungen und wie geschaffen für einen verregneten Nachmittag im Sommer.

Juli 2018

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WAHRHEIT GEGEN WAHRHEIT
von Karen Cleveland 2018, dt. 2018

Schön ist es nicht, wenn ein Traum bedroht wird. Wenn ein Traum platzt, bedeutet das für die meisten Katastrophe. Für Vivian Miller, Russlandexpertin und Analystin bei der CIA, genügt die Bedrohung ihres Traums, um sie an den Rand der Verzweiflung zu bringen. Bei ihrer Arbeit stößt die engagierte Mitarbeiterin auf ein Dossier, welches ihren Ehemann eindeutig als einen russischen Schläfer zuordnet.

Karen Cleveland weiß, wovon sie erzählt, sie war selbst einige Jahre beim amerikanischen Geheimdienst beschäftigt. Und die Autorin weiß ebenso gut, wie ihre Mitbürger um die Erfüllung und um den Erhalt des amerikanischen Traums ringen. Somit beschreibt sie den Kampf von Wahrheit gegen Wahrheit nachvollziehbar und emotional, ohne bewährte Hebel in Gang zu setzen, derer sich ein Thriller gewöhnlich bedient. Die Verfolgung per Auto oder zu Fuß und das bleihaltiges Gemetzel zwischen Gut und Böse bleiben in dem Buch außen vor. Doch dafür, dass die sozialen Folgen eines Arbeitsplatzverlustes (siehe Krankenversicherung) benannt werden, kann man Cleveland nicht genug danken. Denn ein wesentlicher Faktor der Angst vor dem Absturz (aus dem amerikanischen Traum) ist eben die Frage: Wie kann ich mein (chronisch) krankes Kind durch den Engpass leiten?

Die Entdeckung, die Miller an ihrem Rechner macht, bedroht rasch ihre Familie, besser gesagt ihre Kinder. Dabei hilft es nur wenig, wenn ihr Mann, den sie auf den Verdacht anspricht, seine Tätigkeit für den Feind unumwunden zugibt und diese nicht mal zu leugnen versucht.

Juli 2018

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DER TOD IN ROM
von Wolfgang Koeppen, 1954  

Einem geläufigen Sprichwort nach führen alle Wege nach Rom. Koeppen lässt in der geschichtsträchtigen Stadt Vertreter eines Landes versammeln, das nur wenige Jahre zuvor die Welt mit einem verheerenden Krieg überzogen hatte. Maßgebliche Akteure fühlen sich wieder sicher oder hadern mit dem raschen Verklingen des Tausendjährigen Reichs. Andere, die Kinder der Stehaufmänner, versuchen aus dem bleiernen Schatten zu treten.

Was hat man Koeppen nach dem Erscheinen von Der Tod in Rom nicht alles vorgeworfen. Die Buchbesprechungen der Zeit vom 4. November und vom Spiegel vom 17. November 1954 sind im Netz abrufbar und vermitteln einen für sich sprechenden Eindruck in die Gedankenwelt. Ein Vorwurf galt den Söhnen der beiden Hauptfiguren, sie seien, hieß es, Verlierer. Die einstigen Kritiker konnten nicht ahnen, dass es mehr als eine Generation bedurfte, um mit dem Trauma jener Taten zu leben, die in der Verantwortung der Väter zu lagen. Auch hielt man Koeppen vor, dass sich seine Helden im Roman nicht entwickeln würden, vielmehr würden sie ihre Eigenschaften nur vertiefen. Wie anders, ließe sich aus heutiger Sicht und mit dem zeitlichen Abstand versichern, sollte man die Unbelehrbarkeit der Väter und Mütter und die Ausweglosigkeit der Söhne auch beschreiben? 

Die Vielzahl der überraschenden Begegnungen, wie sich die familiären Kreise in der italienischen Metropole schließen, ist in dem vielschichtigen wie komplexen Buch sicher dick aufgetragen. Dass sich die Wege aller Beteiligten früher oder später kreuzen, kreuzen müssen, ist dramaturgisch zwingend. Und so entbehrt der letzte Zufall, mit dem die Geschichte zwar fulminant endet, dennoch seiner Logik. Die beständig wechselnde Erzählperspektive verbietet ein flüchtiges Lesen. Wer unterhaltsame Literatur sucht, die entspannt und vom mühsamen Tagwerk ablenkt, wird von dem Buch enttäuscht werden. Wer aber erfahren will, wie die westdeutschen Gespenster wenige Jahre nach der bedingungslosen Kapitulation tickten, findet hier Beispiele, die schmerzen.

Interessant ist, dass es bis heute keine Verfilmung des Romans gibt. Es gibt Hörspielbearbeitungen, aber auf die bildnerische Widergabe der Geschichten um den prämierten Komponisten Siegfried und seinem Vater, dem Oberbürgermeister Pfaffrath, dem Diakon Adolf und seinem Vater, dem Ex-SS-General Judejahn wurde bisher verzichtet. 

Der Tod in Rom
sollte Koeppens letzter großer Roman bleiben. Koeppens Leser wie sein Verleger erhofften dennoch Nachschub, sie wollten und konnten ein Schweigen nicht akzeptieren. Im 1994 erschienen Miniaturband Ich bin gern in Venedig warum griff Koeppen den Ball auf. „Manchmal glaube ich“, bekannte er, „mit dem Konzipieren und mit dem Anfang eines Werkes alles gesagt zu haben.“

Juni 2018

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DER LÄRM DER ZEIT

von Julian Barnes, 2017

Im Mittelpunkt des Romans steht das Leben von Dimitri Schostakowitsch. Schostakowitsch gehörte zu den bedeutendsten Komponisten der Sowjetunion. Unter Stalin fiel er in Ungnade. Doch im Gegensatz zu vielen anderen wurde er weder verhaftet oder weggesperrt, obschon der Zugriff ihn lange Zeit als Möglichkeit begleitete. So stand Schostakowitsch Nacht für Nacht mit einem gepackten Koffer wartend am Aufzug. Nicht, dass der Komponist sich die Nächte am Aufzug vertrieb, damit seine Familie ungestört schlafen konnte, sollten die Schergen erscheinen, es war das leichte Handgepäck, was dieses Bild überzeichnet: Als stünde eine Reise an. Wäre Schostakowitsch verhaftet worden, er hätte keinen Koffer (mehr) benötigt.

Barnes erzählt nicht chronologisch, mit Hilfe einzelner Episoden und aphoristischen Gedankensplitter verdichtet sich ein etwaiges Bild von einem unsicheren, kränkelnden, stets zweifelnden Mann, den Ruhm und die Nähe zur Macht fast verbrennen. In die Enge getrieben denunziert Schostakowitsch und bewirft seine Vorbilder mit Dreck. Selbst wenn sein Handeln, sein Zögern und Zaudern die nachvollziehbaren Charakterzüge eines Getriebenen sind, sympathisch machen ihn diese Eigenschaften nicht.

Doch um Sympathie für seinen Helden ging es Barnes wohl auch nicht. Der Reiz von Der Lärm der Zeit liegt in der Tatsache, dass Schostakowitsch vom Schicksal der Verbannung und Hinrichtung verschont blieb, obschon man ihn eindeutig im Visier hatte. Er entging dem logischen Urteil, das durch einen Verriss einer Oper nur folgerichtig erschien. Barnes beschreibt Schostakowitschs Überleben als eine schmerzvolle und zunehmend quälende Lebens-Verlängerung. „… da hatte er anscheinend etwas missverstanden“, heißt am Schluss. „Das Unheil, das … für ihn bereithielt, war nicht sein Sterben, sondern sein Weiterleben. Er hatte sein Bestes getan, aber das Leben war noch nicht mit ihm fertig.“

Wie zum Hohn gipfelte der Zeitzuschlag darin, dass die Staatsmacht nach Stalins Tod von ‚ihrem‘ Komponisten diverse Zeichen der Dankbarkeit verlangte/erpresste.
Juni 2018

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HEIMKEHR
von György Konrád, 1998

Der Autor erzählt, wie er als Elfjähriger im Winter 1944/45 mit seiner Schwester und seiner Tante ein Haus in Budapest verlässt, um nach Hause zu fahren. Er kehrt endlich heim. Doch „Die Suche nach dem Paradies“, aus dem der Knabe fliehen musste, um zu überleben, gestaltet sich anders, als er es sich diese erträumt hat.

Konrád lässt den Jungen sprechen. Nur so ist es zu erklären, dass der vorherrschende Ton der Geschichte weder traurig noch sentimental ist. Konráds Junge staunt, er wundert sich sogar über die Unwegbarkeiten, die Hindernisse und Katastrophen, die auf dem Weg ins Paradies schlummern. Sein Rezept, um bei aller Ernüchterung und Enttäuschung nicht an Ort und Stelle durchzudrehen oder wenigstens vom Leben müde in den Straßengraben zu springen, ist die vitale Lakonie, ist der lebenskluge Witz, zu dem einzig Kinder fähig sind.

Die ungarische Literatur hat ungewöhnlich starke und sehr unterschiedliche Stimmen hervorgebracht, die sich in ihren Arbeiten der Zeit des Zweiten Weltkrieges annahmen/annehmen. Neben Konrád ist Dalos zu nennen wie natürlich Kertész und Marai. Es mag an anderer Stelle diskutiert werden, weshalb es der polnischen oder die tschechischen Literatur versagt blieb, im deutschsprachigen Raum mit gleichwertigen Schwergewichten Fuß zu fassen. Dabei wäre es zu kurz gedacht, das Phänomen einzig mit der politischen Lage in Ungarn zwischen 1935 und 1945, der mühelosen Übernahme der faschistischen Ideologie und dem verbrecherischen Treiben der Pfeilkreuzler zu erklären.
Mai 2018

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DER MANN, DER VERLORENES WIEDERFINDET
von Michael Köhlmeier, 2017
 

Um sich dem Wirken und Leben eines Heiligen schreibend anzunehmen, bedarf es mit Sicherheit ein Höchstmaß an Disziplin. Zu verlockend ist die Gefahr, sich blindlings wie ausufernd der Phantasie zu bedienen. Einem Heiligen umweht die Übertreibung, die bei Missachtung des Gleichgewichts schnell ins Lächerliche kippt. In all seinem Tun und Lassen muss der Heilige, um seiner Dimension gerecht zu werden, dem normalen Menschen voraus sein, was, gelinde gesagt, wenig kollegial ist und obendrein langweilt.

Diese Ansätze müssen wohl Michael Köhlmeier bewogen haben, seine Novelle Der Mann, der Verlorenes wiederfindet Bruder Antonius zu widmen, einem Geistlichen, der zwischen 1195 und 1231 in Portugal lebte. Dass sich der österreichische Vielschreiber einmal an eine solche Geschichte wagt, lag jedoch nahe. Wenn man sich den reichen Kanon des Autors anschaut, erkennt man rasch die direkte Linie, die zu diesem Buch führt.

Köhlmeier schildert die letzten Stunden Antonius. Nach einer Rede kommt dieser auf einem Platz zu Fall und überdenkt zwischen heftigen Schmerzschüben und einem komatösen Fieberwahn sein Leben. Dabei bedient sich der Autor seiner Bibelfestigkeit, sein profundes Wissen um historische Zusammenhänge und einstige Sitten, um seiner unerhörten Begebenheit - neben einem erhabenen, fast feierlichen Ton - den glaubhaften Hintergrund zu verleihen.

Das Buch ist keine Kost, die sich auf die Schnelle konsumieren lässt. Was wäre ein Heiliger ohne seinen beschwerlichen Weg der Erkenntnis wie seiner Zweifel. Köhlmeier stellt mit Antonius Fragen, deren schlüssige Antworten noch immer oder neuerliche Fragezeichen zieren: Wie kommt es, dass die Schöpfungsgeschichte von zwei Sonnen zu berichten weiß? Wie konnte sich Gott hinreißen lassen, mit Satan eine Wette abzuschließen?
Mai 2018

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TROTZKI
Das Janusgesicht der Revolution
von Dimitri Wolkogonow, 1992, dt. 2017

Leo Trotzki gehörte zu den schillerndsten Gestalten der Geschichte. Noch heute hält sich hartnäckig die Mär, Trotzki sei ein imperialistischer Verräter der Oktoberrevolution gewesen. Die rasche Tilgung der Fotografien (u.a. mit Lenin) und seines Namens wirkt bis heute: Man hat ihn vergessen. 1879 wurde Trotzki als Leo Davidowitsch Bronstein geboren, wegen politischer Tätigkeit wird er verbannt, nach 1917 mehrfacher Volkskommissar, 1925 erfolgt die Absetzung von allen Ämtern, 1928 beginnt seine erneute Verbannung. Nach einer erzwungenen wie leidvollen Odyssee durch viele Länder, wird er im Sommer 1940 in Mexiko von Stalins Schergen erschlagen. Trotz aller Widrigkeiten blieb er ein begnadeter Redner und exzellenter Schreiber sowie ein eloquenter Verfechter der permanenten Revolution.

Wolkogonow bemüht sich erst gar nicht in die übergroßen Fußabdrücke von Isaac Deutscher zu treten. Dessen Trotzki-Biografie gilt als Meisterwerk, das schwer einzuholen ist. Zu überholen ist es, um den alten Kalauer zu gebrauchen, erst recht nicht. Wolkogonow setzt beim Leser Wissen voraus, um daran mit unterkühltem Esprit anzuknüpfen. Enorm hilfreich ist der von ihm aufbereitete Anhang mit weiterführenden Lesetipps und einem ausführlichen Personenregister. Diese Bündelung von Namen und Lebensläufen führt dem interessierten Leser mit wenigen Zeilen die ganze Dramatik der damaligen Zeit vor Augen. Wolkogonow nutzt ausgiebig seinen Vorteil, indem er sich jener Quellen bedient, die I. Deutscher noch verschlossen waren. Es bleibt abzuwarten, was die Archive verraten, die in naher Zukunft von der Bürde der Geheimhaltung entbunden werden. Das macht Geschichte mitunter ja so spannend: je entfernter diverse Ereignisse im Zeitstrahl liegen, umso begehbarer werden die Landschaften, da die Instrumente zu deren Erkundung endlich griffbereit sind.

Wolkogonow geht auf sämtliche Geschehnisse ein, die Trotzki zeitlebens trieben, bis ihn das System, welches er maßgeblich aufgebaut hatte, als einen Getriebenen geißelte. Zum Kern der Person Trotzki stößt Wolkogonow eher sporadisch. Manchmal erliegt er dem Charme und der Schläue seines Protagonisten, dann wieder fühlt er sich von dessen schroffen Urteilen und brutalem Vorgehen abgestoßen. Wolkogonows bemüht sachlicher wie steifer Ton fällt besonders dann ins Gewicht, wenn er Textstellen aus dem reichen Fundus von Trotzki zitiert. In den angeführten Passagen sprühen die Funken, die bei Wolkogonow fehlen. Was wiederrum unlauter ist, dies als Kriterium anzuführen, da Trotzki, wie bereits erwähnt, ein wirklich begnadeter Schreiber war. Und wenn es um seine Person ging, entfachte er gern mal ein Feuerwerk.
April 2018

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VÄTER UND SÖHNE
von Iwan Turgenew, 1862, in der dt. Übersetzung von 1964 

1980 zählte ich zu den Besuchern der Olympischen Sommerspiele in Moskau. Zwischen zwei Sportveranstaltungen kaufte ich mir für einen Rubel und vierundsiebzig Kopeken das Buch Väter und Söhne von Iwan Turgenew*. Weder besaß ich einen blassen Schimmer von den sportlichen Wettkämpfen, die ich in den Hallen und Stadien verfolgte, noch sagte mir der Autor etwas. Vielleicht sprach mich der Titel des Buches an. Die seltsame Symbiose von Vater und Sohn interessiert mich.

Dennoch harrte das schmale Buch bis heute ungelesen in meinem Schrank. Jetzt, in einem sentimentalen Schub, mich doch einmal mit meiner Kindheit auseinanderzusetzen, nahm ich mir Väter und Söhne vor. Mir war klar, darin keine Antworten auf meine Fragen zum Thema Generationskonflikt zu finden, gegen mögliche Anregungen oder überraschende Sichtweisen hatte ich nichts einzuwenden.

Zwei ungleiche jugendliche Freunde besuchen ihre Eltern – und fliehen vor diesen. Auf ihrer Flucht, die zumindest für den einen halbherzig ist, begegnen sie zwei Frauen, die an ihren Lebensentwürfen rütteln. Im Mittelpunkt des Geschehens steht Basarow, ein junger Arzt, der mehrfach das Schild Nihilist angehangen wird, obschon Turgenew in einem Brief versicherte, „wenn er (Basarow) Nihilist genannt wird, so muss man Revolutionär lesen“. Mit seinen flotten Sprüchen und Bemerkungen brüskiert Basarow eher, als dass er amüsiert. Sein Spott auf die bestehende Gesellschaft treibt jede Unterhaltung voran, wobei sich Basarow im Frotzeln und altklugen Daherreden begnügt, ist er doch ‚zum Untergang verurteilt‘, wie Turgenew in einem Brief notierte, da er erst ‚im Vorzimmer der Zukunft steht‘. (In Gorkis Stück Sommergäste von 1904 bringt es einer der Protagonisten auf den nüchternen Punkt: „Wir gehören nirgendwohin. Wir tun nichts. Wir reden nur schrecklich viel.“)

Das Nachwort in der 1964 erschienen Ausgabe geht auf den geschichtlichen Hintergrund der Geschichte und ihrer Entstehung ein. Dass Turgenew seine Hauptwerke im westlichen Ausland verfasste, weil er Russland, auch wegen Väter und Söhne verlassen musste, verschwieg das ansonsten recht kundige Nachwort.

*) Allein der Umstand, dass ich in der ehemaligen Sowjetunion ein in der DDR verlegtes Werk eines russischen Dichters erwarb, ist eine Anekdote für sich.

März 2018

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Die Bluse
von Hermann Harry Schmitz als Hörspiel, Ursendung 2002

Die Männer kennen das, ein simpler Kauf einer Bluse kann zur radikalen Existenzvernichtung ausarten. Es sind die Bagatellen des nur scheinbar überschaubaren Alltags, die uns (Männer) in den Irrsinn taumeln lassen. In der Groteske Die Bluse ist es der Neffe, der seiner Tante Dorchen beim Kauf behilflich sein will und dabei eine ernüchternde Höllenfahrt erlebt, die ihn und sämtliche Verkäuferinnen altern lässt, während die immer agiler werdende ältere Dame noch ‚Häkchen für hinten‘ benötigt.

Da ist das Warenhaus*, das durch seine Treppen und Gänge, durch seine Etagen und Abteilungen ein grenzenloses Wirrwarr stiftet statt durch eine klare Ordnung und einer eindeutigen Struktur unserem Haben-Wollen genüge trägt. Und da sind die Aufzüge, die sich liebdienernd als sanfte Sänfte anbieten, die einen nach oben wie nach unten schieben, auch wenn sie menschenverschlingende Moloche sind, in denen man, bei einem fiesen Technikstreik, wenn nicht zerquetscht wird, dann doch verhungert.

Der Erwerb (einer Bluse) als mahnendes Sinnbild einer endlichen Katastrophe. Kaufen befriedet keineswegs, vielmehr nährt es einen neuen Mangel.

Hermann Harry Schmitz war zeitlebens ein Übertreiber. Dafür stehen seine Geschichten und Glossen sowie sein Auftreten als Alleinunterhalter. So war der krachende Abgang des Laut-Sprechers und ‚Dandy vom Rhein‘ im Jahr 1913 nur zwangsläufig: Mit dreiunddreißig Jahren wählte Schmitz für sich den Freitod. Damit sein Bekanntheitsgrad einmal an die gefühlte Temperatur seiner verstreuten Überzeichnungen heranreicht, trommeln eifrige Fans mit Ausstellungen und Lesungen heute noch in seiner Heimatstadt Düsseldorf

* Das Haus der Waren (und nicht, so viel Belehrung darf gestattet sein, das Kaufhaus) bildet beispielhaft als tempelartige Einrichtung der mannigfach zu beschwörenden Götter, den stillen Argwohn der eine Bluse kaufenden Tante gegenüber allen neuartigen Dingen ab. Dass Dorchen im Grunde nach einem passenden Stoff sucht, um sich die Bluse selbst zu nähen, zeichnet nur folgerichtig die konsumkritische wie radikalautonome Denk- und Lebensweise der älteren Dame ab.

Erwachte das Warenhaus erst Mitte des 19. Jahrhundert zur vollen Blüte, bot das Kaufhaus schon lange davor feinste Stoffe oder hochpolierte Töpfe und Tiegel dem solventen Konsumenten an.

März 2018

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DIE WUNDERBAREN JAHRE
von Reiner Kunze, 1976 

Als das Buch im Westen erschien, hatte dies für den noch im Osten lebenden Autor Konsequenzen, die man sich heute nur schwer oder mit Hinzuziehung von Zeugen vorstellen kann. Kunze flog aus dem Schriftstellerverband, ein Kinderbuch, das bereits gedruckt war, wurde kurzerhand gekippt und eingestampft

Die wunderbaren Jahre ist eine Sammlung von meist sehr kurzen Prosatexten, die das Leben jener Ostbürger beschreiben, die mit der damals herrschenden Arbeiter-und Bauern-Macht auf Kriegsfuß standen. Diese Einseitigkeit der Geschichten muss bei dem einen oder anderen Leser zwischen Hamburg und München von einst einen einseitigen Blick vermittelt haben. Bestimmt waren sie nach der Lektüre zutiefst davon überzeugt, dass sämtliche Brüder und Schwestern im Osten Dissidenten sind.

Mit meinen DDR-Erfahrungen lese ich 2018 das Buch, als würde ich einem Lichtbildervortrag beiwohnen: Meine ganze Aufmerksamkeit gilt der an die Wand geworfenen Schnappschüsse, die mir einen fremden Planeten zeigen. Anfangs fasziniert mich die Kargheit der Landschaft, in der die Farbe grau vorherrscht. Bis ich überrascht feststelle, dass mir die seltsamen Begriffe wie Gruppenratsvorsitzender, Wehrkundeunterricht oder Weltfestspiele, von denen Kunze erzählt, gut vertraut sind. Ich bin selbst die staubigen Wege über den fernen Stern gegangen, wie ich an den Kreuzungen stets eine Rast einlegte, um auf einen Polizisten oder auf einen anderen Entscheider zu warten. Deren Anweisung, wo es lang geht, nahm ich dankend an.

Dissidenten waren immer die anderen.

Das Buch erhielt ich kürzlich von einem Freund aus Göttingen, der es bei der Bestandsauflösung einer Bibliothek erwarb. Der Zettel mit den Rückgabestempeln klebt noch immer zwischen der letzten Seite und dem Pappeinband. Im Reglement einer Leihgabe unterschieden sich die beiden deutschen Staaten nicht: Auch die Bücher, die ich einer DDR-Bücher entlieh, enthielten jene kleine Bögen, die mit den gesammelten Stempeldrucken diskret und doch öffentlich Auskunft darüber gaben, auf welches Interesse das Buch stieß. Der erste Rückgabetermin war für den Juni 1977 terminiert, der letzte erfolgte im April 1988. Dazwischen zähle ich zweiunddreißig weitere Daten, die Leser in Niedersachsen schienen sich für das Leben im Osten wirklich interessiert zu haben. Staubfänger glänzen mit weniger Stempeleinträgen.

Februar 2018


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8 m²
von Candida Schlüter, 2017

Ende März 2017 lebten rund 64.000 Menschen in Deutschland hinter Gittern (Statistisches Bundesamt). Davon in Sachsen ungefähr 3.500. In den zehn Gefängnissen des Bundeslandes saßen zu dem genannten Zeitpunkt 703 Untersuchungshäftlinge ein.

Die Autorin von 8 m² führt den Leser in die Welt einer Haftanstalt. Hannah Corvin wird der Tötung zweier Menschen beschuldigt. Und weil für die Verdächtigte Fluchtgefahr besteht, kommt sie in Untersuchungshaft*: in eine Zelle** mit der Größe von acht Quadratmetern. Sich aus dem Weg zu gehen ist bei diesen Verhältnissen unmöglich, zumal wenn der Raum, der marginal größer als ein Bad in einem deutschen Mietshaus ist, mit einer Insassin geteilt werden muss

Während also Frau Dr. Corvin, die aus einem ehrbaren Elternhaus stammt und bis vor ihrer Ergreifung als Ärztin arbeitete, sich mit den rauen Gepflogenheiten hinter Gittern vertraut macht, wird draußen emsig und mit einigen Kapriolen für die Beteiligten am Fall gearbeitet. Diese beiden Ebenen fügt die Autorin ohne große Brüche zusammen, wobei der Fokus der meisten Lesen mit Sicherheit auf das Knastleben beruht. Denn Candida Schlüter kennt sich mit und in der Materie aus, sie hat in der JVA Düsseldorf gearbeitet.

Das Buch ist flüssig geschrieben und bedient sämtliche Erwartungen, die der Klappentext schürt. Der Umstand, unschuldig im Gefängnis zu landen, kann wohl als eine der Urängste angesehen werden. Dieser Furcht stellt sich der Mensch mit Wonne, wenn er dabei die Rolle des Voyeurs einnehmen kann. Unschuldsvermutung hin oder her, gar nicht erst in Verdacht zu geraten ist allemal vorteilhafter. Und die schwer zu beantwortende Frage, wie es wäre, selbst einmal hinter Gitter zu landen, kennt jeder. Allein aus diesem Grund folgt der geneigte Leser dem Geschehen gebannt, obwohl die Ärztin, die ihren Weißkittel gezwungenermaßen gegen die miefige Haftmontur tauscht, wahrlich keine Sympathiefee ist. Kein Fettnäpfchen lässt die Frau innerhalb der beschränkten Auslaufmöglichkeit aus, gekonnt, weil völlig ungeübt im Geben und Nehmen in einer Zelle, verscherzt sie es mit jedem. Und erst nach ihrer plötzlichen Entlassung kommt ihr in den Sinn, zu kämpfen.

* Hätte die Frau keine Verwandte in Südamerika, bestünde dann keine Fluchtgefahr? Müsste sie nicht auch ohne Fluchtgefahr bei dem massiven Tatverdacht in Untersuchungshaft?

** auch bekannt unter dem euphemistischen Begriff Haftraum

Februar 2018

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ZWISCHENBILANZ
von Juri Trifonow, dt. 1974

Ein Paar, das seit zwanzig Jahren verheiratet ist. Der Mann ist Nachdichter, die Frau geht nicht arbeiten. Ein Sohn, eine Haushälterin. Die gemeinsame Sprache ist auf das Äußerste minimiert. Man hat sich nicht mehr viel zu sagen. Und das wenige, was man sich noch zu sagen hat, kommt meist in einem vorwurfsvollen Ton rüber. Die Verliebtheit ist einer Gereiztheit gewichen. An einer Stelle heißt es: Es war nicht nur schwer, sich auszusprechen, sondern sogar richtig miteinander zu streiten. Da nützt auch nicht mehr das Bindeglied des Paares, der Sohn. Dieser ist (natürlich) nicht die Leuchte, die sich die Eltern erhofften. Damit der in ein Institut aufgenommen und gehalten wird, sind diverse Schiebungen notwendig. Korruption ist nur ein anderes Wort für Unterstützung. Denn unmoralische Handeln setzt voraus, dass man eine Moral hat.

Trifonow lässt die Geschichte aus der Sicht des Mannes erzählen, der die Ironie, die helfen könnte, Abstand zu gewinnen, längst verloren hat. Der rettet sich in Bluthochdruck und in Selbstmitleid. Seine Sarkasmen werden immer flacher, in seiner Verbitterung wird er zunehmend peinlich. Die Zwischenbilanz, die er zieht, bleibt überschaubar.

Die Novelle beleuchtet den allmählichen Zerfall einer kleinbürgerlichen Familie. Gut, nicht gerade der Themenknaller. In zig Regalen und Bibliotheken stehen Bücher, die mit eben jenem  Hintergrund aufwarten. Das Pikante ist, dass die von Trifonow beschriebene Ehekrise nicht im heutigen Köln oder in Paris um 1888 angesiedelt ist, sondern in einem Land mit dem Namen UdSSR von 1970. Der Sozialismus versprach nicht unbedingt das Blaue vom Himmel, den Neuen Menschen aber schon. Wenn man so will, war Trifonow Chronist einer Erscheinung, die es in einem sozialistischen Land gar nicht gab. In Scheinwelten leben immer die anderen.

Januar 2018

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QUERCHER UND DER BLUTFALL
von Martin Calsow, 2017

Mit dem Charme eines vertrockneten Kaktusses und der Scheu eines vorlauten Frührentners bedient der ehemalige LKA-Beamte und Mittvierziger Quercher sämtliche Register, um es allen recht zu machen und dabei seinen Kopf durchzusetzen.

Die vielen verschiedenen Handlungslinien, die das Buch gliedern, erfordern zunächst einige Konzentration. Doch die, dies kann an dieser Stelle verraten werden, wird belohnt. In Calsows Krimi, dem fünften Fall von Quercher, steht ein unaufgeklärter Fall im Mittelpunkt, der der RAF zugesprochen wird. Und als ginge es um eine neue Trendsportart wird eifrig gestorben. Und wer noch nicht gestorben ist, der übt sich grad im Sterben. Schön ist das selten, aber halt das Leben. Und wohl nicht nur der literarischen Richtung geschuldet, die vom Kitzel spannender Momente lebt.

Die beißende Ironie und die herrlichen Milieuschilderungen, mit denen das Buch aus dem bayrischen Land aufwartet, bescheren dem Leser ein hohes Maß an Unterhaltung. Und der latenten Gier nach dem nächsten Kapitel.

Dezember 2017
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SCHOCKTHERAPIE

Kolyma-Geschichten von Warlam Schalamow 1988, dt. 1990

Wer sich den Lebenslauf von W. Schalamow ansieht, wird sich fragen, wie dieser Mensch es schaffte, über das Erlebte zu schreiben. Und wie er, anders als A. Solschenizyn, nach seinen Haftjahren nicht mit der Sowjetunion zu brechen. Der Autor wurde 1907 geboren und bereits 1927 das erste Mal verhaftet und verurteilt. Mit der Verurteilung begann seine unheilvolle Odyssee durch die verschiedensten Lager des großen Landes. Denn kaum war er in Freiheit, schob man ihm auch schon ein neues Vergehen unter. Wie die Vorwürfe immer sonderbarer wurden, wuchsen die Haftstrafen auf verbrecherischer Weise. Erst 1951 kam Schalamow endgültig frei, das Lager verließ er zwei Jahre später. Er blieb, um als Arzthelfer zu arbeiten. Schließlich begann er, seine Kolyma-Geschichten zu notieren.

War Alexander Solschenizyn der Epiker unter den Autoren, die über das Lager berichteten, war Warlam Schalamow ein Meister der Kurzprosa. War Solschenizyn im Westen der Star, galt Schalamow als der große Unbekannte im eigenen Land, dessen Tochter sich von ihm, dem Volksfeind, losgesagt hatte. Seine Geschichten sind frei von Pathos und Weinerlichkeit, sie widmen sich den lichten Momenten in den Nächten, die sich über Jahre erstrecken. Es wird vom Glück, in der Tasche einen Brotkrümel zu finden, erzählt. Oder wie der Gefangene durch eine halsbrecherische Lüge zu ein paar Minuten mehr Schlaf gelangt. Die Geschichten benötigen keine aktionsgeladenen Handlungen: das Geschehen ist erdrückend genug. Die Protagonisten wissen zu gut, dass sie zum Ende des Tages mit der Hacke in der Hand umfallen und eins werden mit der Erde.

November 2017

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DIE SPUR IST SICHTBAR NOCH
Novelle von Daniil Granin, 1984, dt. 1986

Bei dem Ingenieur Dudarew meldet sich eine unbekannte Frau. Zunehmend gereizt versucht der Mann die Fremde, die, wie sie betont, extra aus Tiflis angereist ist, abzuschütteln. Es gelingt ihm nicht. Die Frau ist zu hartnäckig. Sie drängt dem Mann eine Sammlung von Briefen auf, damit er sich an einen ehemaligen Kameraden erinnert.

Anders als die Protagonisten von Patrick Modiano, die sich stets vorbehaltlos ihren Erinnerungen hingeben, verweigert Dudarew kategorisch, den ohnehin nicht sonderlich belastbaren Faden ins Gestern aufzunehmen. Dudarew kann und will sich nicht erinnern. Zunächst streitet er ab, den Leutnant je gekannt zu haben, dann sträubt er sich, dessen Briefe zu lesen. Nüchtern stellt Dudarew die ungelöste Gretchenfrage jeder Erinnerung: wozu soll das gut sein. Gerade aus dieser harschen Ablehnung des Gedenkens eines Kriegsveteranen der Roten Armee, ein Affront gegenüber dem ruhmreichen Sieg, entfaltet die Novelle ihre fesselnde Sogwirkung.

Die Spur ist sichtbar noch erzählt von Menschen, die sich ganz nahe standen und trotzdem nie zusammenfanden. Obwohl sich die Frau während des Krieges mit dem Leutnant, an den sich Dudarew erinnern soll, eifrig geschrieben hat, war ihr nach dem Krieg nicht vergönnt, ihren einstigen Brieffreund zu treffen.

Granin, der leider erst kurz vor seinem Tod durch Altkanzler Schmidt auch dem westlichen Publikum nahegebracht wurde, beschreibt die Geschichte mit leisen Tönen: die Dramatik der unerhörten Begebenheit spricht für sich und bedarf keinerlei künstliche Aufputschmittel.

November 2017

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DER SCHNEESTURM
von Vladimir Sorokin
2010, dt. 2012

Der Schneesturm ist polterndes Bauerntheater und Commedia dell’arte. Ein honigsüßes Märchen und eine rabenschwarze Groteske: sentimentalen Männergeschichten garniert mit derben Späßen.

Was passiert, wenn Laurel und Hardy auf Wodka sind, vielmehr wenn sich Vladimir und Estragon durchs russische Schneegestöber kämpfen, zeigt Sorokin in seinem Buch: das Warten auf Godot wird zum ‚Ich muss da unbedingt hin!‘

Ein Roadmovie entlang einer endlosen Pechsträhne, reich bebildert und ungemein fesselnd. Landarzt Doktor Garin in heilender Mission und Krächz, sein Komme-ich-heute-nicht-komme-ich-morgen-Fuhrmann mit dem weiten Herz am rechten Fleck und einem geflickten Vehikel mit winzigen Pferden, die zur Untätigkeit erstarren, wenn sie in der Ferne Wölfe wittern. Wer Pannen häuft, wie andere das Stroh, braucht sich der Pleiten nicht zu sorgen.

Im Rausch von Wind und Eis und manch anderer kirrer Droge begegnet der mit einer Mission ausgestattete und durch den Wald irrende Don Quichotte nebst seinem treuen Sancho Panza einem betrunkenen Zwerg, der, aus einem Fingerhut trinkend, im Dekolleté seiner Frau sitzt und einem eingeschneiten Riesen, in dessen Nasenloch sich die Kufe verfängt … Kaum hat der Leser eine Übertreibung kopfschüttelnd akzeptiert, schiebt Sorokin unverblümt und (schein-)bar jeder Logik den nächsten obskuren Kracher nach.

Tief verwurzelt in der Tradition Gogols Nase und Mantel und Schukschins Gespräche bei hellem Mondschein aus ächzend frostiger Sowjetzeit (lange nach dem Tauwetter) leuchtet Sorokins Schneesturm: ein Monolith aus dem Heute seltener wie seltsamer Größe.

November 2017

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DREI TAGE UND EIN LEBEN
Roman von Pierre Lemaitre, 2016, dt. 2017

Irgendwann macht jedes Kind die Entdeckung, dass es mit seinen Eltern nicht mehr alles Erlebte teilen kann/will. Mit der ersten heimlich gerauchten Zigarette, der ersten Freundin entfernt sich zum Beispiel der Knabe von Mutter und Vater. Für mich waren es die Unterschriften, die ich unter die Mathearbeiten oder den Einträgen in meinem Hausaufgabenheft setzte. Äußerst ungelenk kopierte ich die Kringel meiner Mutter, obschon mir klar war, dass die Ergebnisse meiner Bruchrechnungen erwartet wurden und das Hausaufgabenheft gern mal einer sporadischen Sichtung diente. Dass meine Mutter die Fälschungen entdeckte und außer sich vor Wut und Enttäuschung war, hielt mich nicht davon ab, bald darauf andere Geheimnisse vor ihr zu pflegen.

Der zwölfjährige Antonie in Drei Tage und ein Leben schleppt ein viel größeres Geheimnis mit sich. Er hat Rémi, seinen Freund, erschlagen. Pierre Lemaitre schildert die Verzweiflung von Antonie, der vom Strudel des kollektiven Aufschreis über das Verschwinden des kleinen Jungen mitgerissen wird. Seiner Schuld bewusst wägt er die ihm kargen Möglichkeiten des eigenen Verschwindens ab und erlebt dabei in seiner Vorstellung eindringlich alle Varianten, wie ihn die Polizei oder die Bewohner der schrecklichen Tat überführen. Antonie hat sich nicht nur von seiner Mutter entfernt, durch seine Tat hat er das Band zu seinen Mitschülern, zu Nachbarn und der Stadt gerissen.

Indem Lemaitre die Sicht des allwissenden Autors einnimmt, umgeht er geschickt Sentimentalitäten, mit denen die Geschichte bestückt wäre, hätte er sie in der Ich-Form erzählt. Dies erzeugt einen doppelten Abstand: Des Autors zu dem von ihm geschilderten Geschehen sowie seines Protagonisten zur Gesellschaft. So viel Distanz vermittelt auch eine gewisse Kühle, die die Handlung in der für sie angemessenen Schwebe hält.

Nur manchmal rutscht die Sprache ins m. E. betont Kindliche: Da sind Betten ‚patschnass‘ oder ein Platz ist ‚splitterfasernackt‘. Daraufhin von mir angeschrieben, reagierte der Übersetzer Tobias Scheffel überaus freundlich und umfassend – trotz bevorstehender Buchmesse in Frankfurt.

Oktober 2017

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IM SCHATTEN DER MANGROVEN
von James Lee Burke, 1993, dt. 1999

James Lee Burke schreibt am Tag tausend Wörter, dies sagte der Achtzigjährige kürzlich in einem Interview. Blockaden kennt er nicht. Und: Er genieße das Schreiben. Burkes rasante Produktivität erinnert an Georges Simenon, der ebenfalls scheinbar mühelos einen Roman nach dem anderen aus dem Ärmel schüttelte.

Im Schatten der Mangroven ist meine erste Begegnung mit Burke. Es werden mit Sicherheit weitere folgen, obschon die Atchafalaya-Sümpfe, der Ort der Handlung, weniger zu den Landschaften meines heimlichen Fernwehs zählen. Burke schreibt spannend und atmosphärisch dicht. Bei seiner wiederholten Schilderung der schwülen Temperaturen konnte ich förmlich den Schweiß der Protagonisten riechen und das hysterische Flügelschlagen der tausend Insekten hören.

Mangroven sind Bäume, die sich besonders durch ihre Anpassungsfähigkeit auszeichnen. Detective Dave Robicheaux ist, was mögliche Ein- oder gar Unterordnung angeht, anders. Im Schatten der Mangroven lässt er sich von zwei Fällen treiben. Ein Skelett und eine übel zugerichtete Frauenleiche. Beharrlich, man kann auch sagen äußerst stur verfolgt der Detective die Spuren, die er freilegt. Und wie für jeden eigenwilligen Ermittler, der munter darauf pfeift, was andere von ihm erwarten, stößt auch Robicheaux rasch an die Grenzen der offiziellen Wege. Er wird suspendiert, im Handstreich spricht man ihm seine Kompetenz ab. Dabei holen R. dunkle Tagträume heim, die zu Lasten der Hitze und dem Stress oder seiner angespannten Verfassung gehen könnten. Doch bald werden die Gespräche, die er in seinen Visionen mit Personen aus dem Gestern führt, zum wesentlichen Teil der unbeirrten Ermittlungsarbeit.

Ein Nachschub von Burke liegt bereits auf dem Tisch. Sturm über New Orleans ist die bittere Abrechnung mit dem Fiasko nach dem Hurrikan Katrina von 2005. Vergleiche zu den momentanen Naturkatastrophen, die den Süden der USA heimsuchen, drängen sich zwangsläufig auf, obschon den Bewohnern der gebeutelten Region die Zeit danach noch bevorsteht.

September 2017

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NEW YORK
Geschichten, 2001
WENN WIR BLEIBEN KÖNNTEN
Gedichte, 2014
von Lily Brett

Brett wurde in Deutschland geboren, ging mit den Eltern nach Australien, heuerte neunzehnjährig bei einem Rockmagazin an und lebt jetzt als Autorin in New York.

Ist Lily Brett in ihren Miniaturen, welche sie über jene Metropole schreibt, die niemals schläft, scharfzüngig und selbstironisch bis zur Überzeichnung, findet sie mit ihren Gedichten einen nachdenklichen, mitunter ernsten Ton. Die Schlaglichter von New York vermitteln den satten Sound der Haupt- wie der Seitenstraßen, atmosphärisch dicht und ungemein unterhaltsam. Dagegen blitzen selten die schrillen Verrücktheiten auf, die gern von denen kolportiert werden, die noch nie in der Stadt waren. Sämtliche Kurzgeschichten machen Lust aufs Reisen, Ratgeber fürs Reisen sind sie nicht. Brett führt ihre Leser auch in gewöhnliche Gegenden, solche, die in jeder beliebigen großen Stadt zu finden sind.

In ihren Stories wie in ihren Gedichten, stets schimmert Bretts Lebenslinie durch. Ihre Eltern überlebten Auschwitz – ohne zu wissen, ob der andere noch lebt. Erst nach der Befreiung des Vernichtungslagers trafen sich die Eltern wieder. 1946 wurde Brett in einem Lager für Displaced Persons in Feldafing geboren. Zwei Jahre später verlässt die Familie Deutschland.

06.08.2017

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JESUS‘ SOHN
Geschichten von Denis Johnson, 1995, dt. 2001

Manchmal ist es erst die Todesmeldung, dass man auf einen ganz großen seiner Zunft stößt. Es ist wie im richtigen Leben: Manche Menschen lernt man erst zu schätzen, wenn sie nicht mehr da sind.

Die Nachrufe auf Denis Johnson klangen vielversprechend. Jede Regionalzeitung brachte einen Mehrzeiler. Und für die größeren Blätter schälten sich ganze Heerscharen von Kritikern und Kennern aus ihren Ohrensesseln und streuten eifrig Blumen in Form von Lobeshymnen.

Die Geschichten in dem Band Jesus‘ Sohn bestätigen alle Erwartungen. Elf düstere Berichte vom tiefen Seitenaus des Lebens. Irrwitzige Begebenheiten, die man sich nicht ausdenken kann, so abgefahren und wirr wie die sind. Wer Daniel Woodrell oder Bret Easton Ellis mag, der muss Johnson lieben. Er schreibt über Leute, die aufgehört haben, sich ein Stück vom Kuchen zu erhoffen. Was sollen sie mit Kuchen, Diabetes haben sie bereits. Und noch viel mehr. In ihrem Rucksack stapeln sich stinkige Haftjahre und uneinnehmbare Schuldenberge, bek(n)ackte Entzüge und himmelfahrtskommandomäßige Rückfälle. Dennoch ziehen die Gestrauchelten stur und unverbesserlich ihr Ding durch. Die vielbeschworene Etikette überlassen sie gern anderen. Lieber hocken sie mit einem nassen Schlafsack am Straßenrand, als in einer zugigen Bruchbude, für die ein Hai auch noch Miete schluckt.

11.07.2017

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FÜR ALLE REICHT ES NICHT
Texte zum Kapitalismus
Heiner Müller, 2017

Zugegeben, ich stelle mir selten die Frage, was Jesus dazu sagen würde. Martin Niemöller möge mir meine Unlust verzeihen. Viel öfter frage ich mich, was Heiner Müller zum Thema Trump oder der Leitkultur sagen würde. Manchmal glaube ich, den Zigarre rauchenden Mann in einer der telegenen Runden zu entdecken. Zunächst nippt Müller an seinem Glas, um schließlich mit Hilfe einer Anekdote aus dem Bauernkrieg oder einem Zitat von Platon oder Ernst Jünger die momentane Weltlage zu erklären. Dann aber wache ich auf, rapple mich aus meinem Sessel und stelle den Fernseher ab. Maischberger und Plaßberg müssen ohne Müller auskommen, denn der ist seit über zwanzig Jahren leider verhindert.

Anna Müller, die Tochter des Dramatikers, war drei Jahre als ihr Vater starb. In einem Gespräch zitierte sie unlängst ihren Freund. „Was ich mir wünschen würde“, sagte der junge Mann, „dass, wenn wir beide abends am Tisch sitzen und zusammen über Sachen diskutieren, er auch was dazu sagt.“

Das Buch Für alle reicht es nicht wartet mit einer Fülle von Texten auf, die die Herausgeber in fünf Generalthemen gegliedert haben. Gedichte, Auszüge aus Theaterstücken und immer wieder Gespräche, die Müller mit bedeutenden Literaturkritikern oder einem Stadtmagazin führte.

Für alle Müller-Kenner ist das Buch ein gutgemeinter Versuch, den Mann aus der Vergessenheit zu reißen, in die er in den letzten Jahren gerutscht ist. Für Leser, die Heiner Müller bisher als einen Libero der dritten Fußballliga hielten, mag das Kompendium eine Zumutung sein. Müller schwimmt gegen alle erdenklichen Ströme und provoziert mit seinen kühnen Behauptungen. Die Assoziationen, die Müller knüpfte, muten selbst auf den zweiten Blick lächerlich und ziemlich verschroben an. So kommt es auch nicht von ungefähr, dass die Herausgeber den Band mit einem Spruch von Hitler betitelten: Für alle reicht es nicht.

Vielleicht ist es gut so, dass das deutsche Fernsehen von Müller verschont bleibt. Es hat einen wie ihn nicht verdient.

25.05.2017

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DER FALL DELTSCHEV
von Eric Ambler, 1951, dt. 1975

Schauprozesse unterscheiden sich von simplen Theaterstücken gewöhnlich darin, nach dem Urteil wird wirklich gestorben. Der Slogan ‚Im Namen des Volkes‘ mag manchmal ziemlich hohl klingen. In Gerichtssälen, die einzig dem Machterhalt dienen, sind die Worte eine Farce. Jene Prozesse, die eine Zeitlang auch in Osteuropa üblich waren, sorgen heute noch durch ihre Willkür und der offen gezeigten Demütigung statt der Unschuldsvermutung für Fassungslosigkeit, wurden sie doch unter einer Ägide geführt, die von sich behauptete, der Inbegriff einer gerechteren, ja menschlicheren Gesellschaft zu sein.

Eric Ambler, 1909 bis 1998, hatte beim Schreiben stets die weite Welt im Blick. Durch eine Vielzahl von Ländern zieht sich seine kreative Spur, fündig wurde er überall für seine Geschichten. Der Ost-West-Konflikt war ihm sicher zu eindimensional. Ihm dienten Themen wie Geldwäsche, der neue Kolonialismus oder der Nahostkonflikt. Im Roman Der Fall Deltschev ist die Handlung in einen fiktiven Staat Osteuropas angesiedelt. Foster, ein amerikanischer Stückeschreiber, der mit seiner Neugier genug Naivität im Gepäck hat, soll den pompös aufgezogenen Prozess um den Politiker Jordan Deltschev verfolgen. Dass der Dramatiker rasch aus seiner anfänglichen Beobachter- in eine handelnde Position gerät, lässt sich denken, wobei Ambler geschickt die Zufälle aufzeigt, die einen Menschen zu seinem eher ungewollten Positionswechsel bringen (können).

Wie in jedem guten Krimi wächst von Kapitel zu Kapitel die Schar der Verdächtigen. In Der Fall Deltschev traut der Leser bald keinem mehr über den Weg, zu korrupt, zu finster sind die Machenschaften (schließlich lebt die Gesellschaft Bestechlichkeit und Pessimismus vor). Jeder, der mit Foster zu tun hat, scheint reich an Motiven ausgestattet zu sein. Und wenn einer kein Motiv hat, so ist er allemal durch seine Unschuld äußerst zwielichtig und gefährlich.

Ein besonderer Reiz des Buches ist, dass Foster nie mehr als der Leser weiß. Ungläubig und überrascht taumelt er von einer Situation zur nächsten, bis er entnervt hinschmeißen will. Doch da nimmt die Handlung Fahrt auf, wie sich die Schlinge um Foster fester zieht.

30.04.2017

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DAS BOHREN HARTER BRETTER
133 politische Geschichten, 2012

30. APRIL 1945, 2014
Der Tag, an dem sich Hitler erschoss und die Westbindung der Deutschen begann, 2014

DIE ENTSTEHUNG DES SCHÖNHEITSSINNS AUS DEM EIS
Gespräche über Geschichten, 2005
Drei Bücher von Alexander Kluge

Kluges subtile Mischung von Fiktion und Historie ist stets spannend und geistreich. Oft reicht dem Autor eine Kleinigkeit, eine beiläufige Bemerkung eines Diplomaten oder Wissenschaftlers zum Beispiel, um ein poröses Gesellschaftsmodell heraufzubeschwören. Max Weber und Lenin treten auf. An anderer Stelle kommt ein sozialdemokratischer Minister aus NRW und der städtische Beamte, der für die Blumenrabatte der Nürnberger Parteitage zuständig war, zu Wort. Oder Kluge wählt ein Datum, um mit dem Brennglas die unterschiedlichsten Läufe und Stillstände eines Tages zu sezieren.

So wie es Stadtschreiber gibt, gibt es Weltschreiber. Alexander Kluge ist einer.

Dennoch vermag ich Bücher von Kluge (wie von F. Dürrenmatt) nicht dauerhaft zu lesen. Die permanente Intellektualität strengt an und fordert heraus. Kaum eine Geschichte, so überschaubar sie sein mag, kommt ohne einen Verweis auf Platon oder auf Freud (und was dieser 1917 auf einem Kongress in Budapest zu sagen hatte) aus.

Mit jedem Satz lässt mich der Autor freundlich winkend um Lichtjahre zurück. Kluges Geistesgröße bewirkt, dass ich als Leser vor lauter Aufschauen schrumpfe. Mit diesem Kleinsein konfrontiert, erlebt meine ohnehin bestens ausgeprägte Unsicherheit einen sprunghaften Wachstumsschub.

07.04.2017

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DAS SCHLANGENMAUL

von Jörg Fauser, 1977, 1985

Jörg Fauser war der Mann fürs literaisch Grobkörnige. Die Schelte, die er beim Ingeborg-Bachmann-Wettbewerb einstecken musste, warf eher ein schales Licht auf die Kritiker, den Bewahrern des Schöngeistigen. Bestens kannte sich Fauser in den verräucherten Hinterzimmern und verwinkelten Ausfallstraßen aus. Dort, in der gesellschaftlichen Peripherie, war er heimisch. Und was er in der meist wenig illustren Halbwelt fand, hackte er, berserkergleich, in die Maschine. Das Schlangenmaul lebt von scharfen Schnitten, rotzfrechen Dialogen und einem ironischen Grundton, der, wenn es sein muss, keine Berührungsangst mit der süffisanten zynischen Tirade kennt. Jahre später war es Jakob Arjouni, der mit seinen bitterbösen wie frech frotzelnden Kayankaya-Krimis Fausers Geist weitertrug.

Heinz Harder, ein Schreiberling für diverse Gazetten, sattelt um und verteilt locker seine Visitenkarten mit der Aufschrift: ‚Bergungsexperte für außergewöhnliche Fälle‘. In der Manier klassischer Detektivgeschichten nimmt der wodkakippende Möchtegernausputzer den Kampf mit den Möchtegernetablierten auf – und landet Im Schlangenmaul.

Obschon das Buch Längen hat, stören die nicht. Selbst wenn es manchmal zäh wird, Fauser wusste Menschen und Situationen derart markant zu zeichnen, dass man glaubte, den Typen oder den Umstand zu kennen. Langweilig ist Fauser nie.

Müßig die Frage, was der Mann noch alles geschrieben und verlegt hätte, wäre er gleich nach seinem 43. Geburtstag zu seiner Frau gefahren, statt diesem blöden Stelldichein mit einem Auto nachzugehen. (Fauser brachte zum Beispiel den großen Unbekannten des amerikanischen Politthriller Ross Thomas heraus. Wem hätte Fauser noch den Weg in die [deutsche] Öffentlichkeit geebnet?)

Heute wäre Fauser über siebzig Jahre. Noch immer würde er sich in den schmutzigen Gassen herumtreiben, um dem Mond eine Nase zu drehen und der Morgensonne zuzurufen: „He olle Blendmarie, sei nicht sauer, aber ich bin schon da!“
  

14.03.2017

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AN JEDEM NEUEN MORGEN
von Roger Rosenblatt, 2010, dt. 2011

Rosenblatt schreibt über den frühen Verlust seiner achtunddreißigjährigen Tochter. Und da seine Tochter Mutter von drei Kindern und Ehefrau eines berufstätigen Mannes war, schreibt er über die Herausforderung, einen Familienbetrieb am Laufen zu halten. Die Schlaglichter, die Rosenblatt mittels kleiner Geschichten aufwirft, zeigen die Familienmitglieder, die ihre ganz eigene Trauer leben und erst allmählich aus ihr heraus finden.


Die Gefahr, dass die persönliche Nähe die Objektivität minimiert, erliegt Rosenblatt nicht. Im Gegenteil: Er schreibt gefühlvoll, ohne den befürchteten Ton von Sentimentalität anzuschlagen. Kitschalarm muss an keiner Stelle ausgerufen werden. Das Taschentuch kann bleiben wo es ist. Wenn jedoch Opa Rosenblatt einem seiner Enkel aus einem Buch über Thomas Alva Edison vorliest und an jene Stelle gelangt, an der vom Tod der siebenunddreißigjährigen Frau des Wissenschaftlers und Mutter von drei kleinen Kindern erzählt, bedarf es schon ein Herz aus Stein, um der Rührung nicht zu erliegen.

Der feine Sinn für die Alltagkomik, den Rosenblatt leise aufspürt, lässt die isolierende Mauer der Tragik mit jeder Episode bröckeln.

07.03.2017

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DOPPELTES SPIEL und VERFOLGT IN PARADISE
von Robert B. Parker, 2010, dt. 2016; 2009, dt. 2016

Zwei Romane um Jesse Stone, der liebevoll Chief Stone genannt wird und die Kleinstadt Paradise vor den bösen Buben zu schützen versucht. Dies gelingt nicht immer, was den Cop mit dem Hang zum gekühlten Gerstenmaissaft nur menschlicher macht.

Die Bücher beweisen, dass Verfilmungen ihre Vorlagen manchmal um Längen schlagen können. Was mit Tom Selleck und seinen neun abendfüllenden Jesse-Stone-Filmen subtil und leise rüberkommt, liest sich in Romanform äußert banal und schmalbrüstig. Möglicherweise sind die Bücher auf den schnellen Schnitt übersetzt.

Auch dass die Filme von Autoren entwickelt wurden, die Parkers Romane zur Grundlage ihrer Arbeit am bewegten Bild nahmen, tröstet ebenso wenig. Tiefe oder gar Ab-Gründe bleiben zwischen den Buchdeckeln ausgespart. Dann doch lieber die Glotze!


26.02.2017

  

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IM WEISSEN KREIS
von Oliver Bottini, 2015

Louise Boni, Hauptkommissarin der schönen Stadt Freiburg, kämpft mit ihren Toten, denen, die ihr Job mit sich bringen und den privaten. Eigentlicher Ausgangspunkt der Geschichte aber ist, dass ein Mann zwei Pistolen erworben hat. In Ermangelung von größeren Fällen mutiert diese Information zum Aufreger. Und so kann ein unheilvolles Gespinst aus unbearbeiteter deutscher Kolonialgeschichte, internen Intrigen des Polizeiapparates und einem braunen Weißen Kreis geflochten werden.

Bottini schreibt flüssig, seine Szenen eignen sich locker als Drehbuchvorlagen. Doch gegen jeden Trend einschlägiger Serien, die allabendlich zum kollektiven Stressabbau verhelfen, hält sich Im Weißen Kreis der ironische Unterton in überschaubaren Grenzen. Ebenso beschränkt bleibt die Ausleuchtung des Personals, welches der Autor in einer Unmenge losschickt, um das erwähnte Geflecht aufzudröseln. Blass und schemenhaft agieren sämtliche Personen. Selbst die Gedanken und Handlungen der Kommissarin sind eingehüllt vom dichten Nebel des Ungefähren.

19.02.2017

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JAKOB SCHLÄFT
Eigentlich ein Roman

von Klaus Merz, 1997

Frère Jacques ist ein Kinderlied, was hierzulande gern als ‚Bruder Jakob‘ geträllert wird.

So überschaubar wie das Lied ist auch das Buch von Klaus Merz. Der Schweizer Autor greift darin das Motiv des Kinderliedes auf, um in seiner unnachahmlichen poetischen wie leisen Art Bilder der eigenen Kindheit wachzurufen. Dabei gelingen ihm eindrucksvolle Bilder.

Der Leser sollte sich Zeit nehmen, obschon die wenigen Seiten von Jakob schläft an einem Abend rasch zu meistern sind. Merz gehört zu jener Gilde von Autoren, denen mensch mit einem entschleunigten Lesen besser beikommt.

05.02.2017

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RÜCKKEHR NACH REIMS
von Didier Eribon, 2009, dt. 2016

Es ist legitim, wenn Geisteswissenschaftler mit ihren Analysen mehr Fragen stellen als Antworten zu geben. Eribon seziert mit äußerst klugen Schlussfolgerungen die heutige Gesellschaft und liefert gleich eine Handvoll Gründe, weshalb sie ist, wie es ist. Dass das sehr persönliche Buch des französischen Soziologen seine Erstauflage bereits 2009 erfahren hat mag dabei als ein weiterer Pluspunkt gelten.

Spätestens nach der Präsidentenwahl in den USA nimmt das hilflose Lösen der Rätselformel Wie-konnte-es-dazu-kommen? kein Ende. Allein der Griff an die eigene Nase oder ein Blick auf Europa würde genügen, um ähnliche Tendenzen auszumachen: In einer Zeit, in der der Kapitalismus immer dreister und ungehemmter auftritt, sendet die Linke wenig belastbare Luftblasen aus ihrer komfortablen Tauchstation. Stattdessen trumpfen allerorts schmallippige Dumpfbacken mit ihren 0815-Erklärungen auf, verängstige Pöbelianer sowie abendländische Bewahrer propagieren das Ende der Welt und großspurige Kleingeister finden Gehör und obendrein frenetischen Beifall. In einer Zeit, in der die üble Nachrede längst zum allgemein geduldeten Spruch bei Tisch avanciert ist, bleibt der Diskurs auf der Strecke, mehr noch, der Streit um das bessere Argument gehört zu dem überwindenden Geschwafel der Etablierten.


Eribon macht an seiner Person den zwar offenkundigen, dennoch verschwiegenen Wandel einer ganzen gesellschaftlichen Haltung fest: wie vermeintlich linke Kämpfer das eigene Klientel zunächst verprellten, um es alsbald, in Namen der Wahrheit und/oder einer Ideologie, zu negieren. „Theorien neigen dazu“, schrieb der kürzlich verstorbene Zygmunt Baumann, „sich als wohlgeformte, glänzende Behälter zur Aufnahme der schlammigen, trüben Erfahrungsinhalte zu präsentieren.“ Nicht erst seit heute gibt es den Hochmut der Edellinken gegenüber der proletarischen, der geschundenen Linken, doch hatte man ihn nicht mehr auf dem Schirm. Auch deshalb wird die Verwunderung so wort- und tränenreich beklagt, dass sich einstige linke Wähler neue Stätten suchen und finden.  

09.01.2017

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DIE GESCHICHTE MEINES TODES
von Harold Brodkey, 1996

Von der ersten Seite an ist der Leser über den Ausgang des Buches eingeweiht. Der Titel zeigt unmissverständlich, wohin die Reise geht. Kein Trost, nirgends. Brodkeys Weg zu folgen, mindert dies nicht. Im Gegenteil, zu entdecken bleibt viel.

Zunächst ist es eine Lungenentzündung, die den amerikanischen Autor lange an das Bett fesselt, allein die darauffolgende Diagnose zerstört jegliche Hoffnung. Brodkey schildert den physischen wie psychischen Spießroutenlauf. Als Taktgeber des permanenten Auf und Ab des eigenen Befindens dienen die Berge von Tabletten und Pillen, die Brodkey schlucken muss.


Es ist das Thema, das fesselt, doch bald wird deutlich, dass Brodkey vor allem mit seiner Eleganz und Genauigkeit, seiner Tiefe und Nüchternheit überzeugt. Der Mann konnte einfach gut schreiben. Seine Sätze wirken wie Fausthiebe gegen das Gezeter, mit denen ein Tagwerk gewöhnlich begründet wird.

Nun gehört man ganz und gar der Natur, der Zeit: die Identität war ein Spiel
.
Oder:
Es ist der Tod, der bis zum Mittelpunkt der Erde, der großen Grabkirche, welche die Erde ist, hinabreicht und andererseits hinaus bis zu den gekrümmten Rändern des Universums, wie man es dem Licht nachsagt.
15.12.2016

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CIORAN

Beim Hören einer Sendung über den Philosophen E. M. Cioran erinnerte ich mich an eine Zeit, in der ich mich auf einer regelrechten Cioran-Welle befand. Die Lebensverzweiflung und der Existenzekel des stets finster dreinschauenden Wahlfranzosen hatten es mir angetan. Nirgends Erklärungsmuster für ein seichtes Überleben oder halbgare Küchenweisheiten, die das Pfeifen im Keller als taktlose Erlösersinfonie verkauften. Bei Cioran, so fand ich, war der Schmerz an der Welt echt. Zeitlebens sezierte der Mann in seiner ungeheizten Dachkammer die Sinnlosigkeit des Lebens, als hätte er in dieser wenig aufwärmenden Tätigkeit (s)einen Halt gefunden.

Somit war Ciorans Liebäugeln mit dem Freitod von platonischer Natur, denn ein Hand an sich legen (Jean Amery) wäre für ihn einer blanken Anerkennung jener Rechnung gleichgekommen, die er gar nicht eingefordert hatte.


Heute noch nehme ich an manchen Tagen den einen oder anderen schmalen Band, um in Gevierteilt oder Vom Nachteil, geboren zu sein stöbernd der vielleicht radikalsten Flucht von der aufgeblasenen Relevanz des Hier und Jetzt beizuwohnen. Doch ziemlich schnell bereiten mir die stilistisch exzellenten Lebensverwünschungen Überdruss. Es ist wie beim Trinken von Schwarztee. Maximal drei Gläser schaffe ich über den Tag verteilt, ein Glas mehr und das angenehme Gefühl kippt in Kopfweh und Schwindel.
07.12.2016

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DER HASS
von Heinrich Mann, 1933, 1983

Das Buch Der Hass ist eine Abrechnung mit der Zukunft. Mit dem feinen Gespür für das Kommende zeigt Heinrich Mann jene Wege, die dorthin führen. Aufsätze zur Deutschen Zeitgeschichte, deren Titel schon klare Statements sind: ‚Im Reich der Verkrachten‘ oder ‚Die enttäuschten Verräter‘.

Beim Lesen im ausgehenden Jahr 2016 stockt einem der Atem, wie viel Heute in den Buch Der Hass von 1933 steckt.

(Nachdem diese Bemerkung fertig war, fand ich einen Artikel von Sascha Hawemann. Mit einer Spur Pathos kürte der Regisseur das 2016 zum Jahr des Hasses. Dabei belässt er es nicht beim bloßen Aufzählen: „Der heiße Hass auf Dresdner Straßen, der blutige Hass von Paris und Brüssel“. Er sagt auch: „Glücklicherweise hat sich mein Hass aufgebraucht und ist müde geworden.“)

03.12.2016

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CAJUN BLUES
von Daniel Woodrell, 1984, dt. 1994

Mit diesem Band, dem ersten der überschaubaren Rene-Shade-Reihe, stellte sich Woodrell der Öffentlichkeit vor. Und bereits mit Cajun Blues machte der Autor klar, wohin die Reise seiner folgenden Bücher gehen wird. Wenn in seinen Romanen permanent die Sonne scheint, heißt dies nicht zwangsläufig, dass es den Leuten gut geht bzw. dass sie sich unter ihr wohlfühlen. Im Gegenteil, nach wenigen Seiten weiß der Leser, gegen die Eiszeit hat die Sonne allein wenig zu bieten.

Rene Shade ist ein Detective der alten Schule. Wortkarg, flott im Denken und schlagfertig (was die Fäuste angeht). In Cajun Blues ermittelt Shade in einem kleinstädtischen Korruptionsgerangel und trifft dabei, welch Überraschung, auf mittelgroße und kleine Gangster. Und auch auf den Außenseiter Jewel Cobb, der gern ein Killer sein möchte und doch nur ein verführbarer Trottel ist.

Was sich in der Kurzzusammenfassung wie ein Dutzendkrimi liest, stecken in Cajun Blues schon reichlich viele Figuren der späteren und mit Sicherheit stärkeren Werke von Woodrell ihr Terrain ab: die ewig Gestrauchelten, die sich treiben lassen und getrieben werden; die mittelgroßen Bestimmer, die natürlich Teil einer schmutzigen, weil blutigen Kette sind und die Frauen, die noch am Abend ihren Morgenmantel tragen und in deren Kaffee mehr Alkohol als Koffein treibt.

Woodrell beschreibt seine Protagonisten stets auf Augenhöhe, obschon sie selten die klassischen
Sympathieträger sind. Mit dieser klaren Haltung schafft Woodrell das fortwährende Kunststück, dass sich der Leser all den Betrügern und Betrogenen, den vermeintlichen Gewinnern wie den bekifften Dauernieten gegenüber ebenso nie zu erheben versucht. Viel zu gut kennt der Leser den einen Pech- oder den anderen Raubvogel.

14.10.2016

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MEINE PREISE
von Thomas Bernhard, 2009

Kurz vor seinem Tod stellte Thomas Bernhard eine Sammlung von Texten unter dem selbstbewussten Titel Meine Preise zusammen. Zunächst erläutert Bernhard auf seiner unnachahmlich subtil-sarkastischen Art, wie er zu den einzelnen Preisen gekommen ist und wie er diese aufgenommen hat. (Oder muss man nicht besser sagen, wie er sich gegen die Entgegennahme gesträubt hat?)

Der Leser sollte mit Bernhards Romanen und Theaterstücken einigermaßen vertraut sein, um den gallischen Humor zu verstehen, der Grundlage jeder Aussage ist. Auch um all die quirligen Schmähungen und Beleidigungskaskaden richtig zu deuten, ist eine Berührung mit der einen oder anderen Lektüre von Bernhard ratsam. Sonst gewinnt man wohlmöglich den Eindruck, bei dem 1989 verstorbenen Österreicher handelte es sich um einen wortreichen Grantler, der aus Liebe zum Mürrischsein nörgelte, was so abwegig nicht ist, den Blick jedoch massiv einengen würde. Bernhard war mehr, viel mehr.
Zum Abschluss wartet das Buch mit den jeweiligen Ansprachen auf, die selten Dankesreden im üblichen Sinne waren. (Das stumme Leid der beiwohnenden Preisverleiher sollte an anderer Stelle besprochen werden. Meine Preise beweist, dass es keine Pflicht gibt, sich einer Auszeichnung wegen voll Ehrfurcht im Dreck zu wälzen.)

Bernhard ging keiner Konfrontation aus dem Weg. Eine Friedenspfeife mag für ihn eine beschauliche Requisite aus dem Theaterfundus gewesen sein, ein Gegenstand für eine lockere Runde war sie für ihn eher nicht. Dennoch wäre es verfehlt ihm das obsessive Daueranecken als eine gewohnheitsmäßige Profilierungsmasche zuschreiben zu wollen. Bernhards Blick auf die Welt und auf seine Mitmenschen war von einer Ehrlichkeit geprägt, die sich um keine Hintertür scherte, wohl aber um Genauigkeit, also um Übertreibung.

(Ultimative Anlesetipps in Meine Preise: die Rede zur Verleihung des Büchner-Preises sowie die Vorbemerkung zu dieser Rede.)

10.10.2016
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JULIA UND DER BALKON, 1997, dt. 1999
DIE REISE DES DAVID MELBA
, 1999, dt. 2001
von Maarten Asscher

Die beiden Bücher des Verlegers, Übersetzers und Ministeriumsmitarbeiter Asscher gehen auf Ausnahmesituationen ein. Ein Freitod, der vielleicht doch nicht selbstbestimmt war. Und eine Verhaftung eines Menschen, der nicht der ist, für den man ihn (fest-)hält.

In Julia und der Balkon schildern Zeugen und Nur-am-Rande-Beteiligte in der Manier des Films 8 Blickwinkel den Sturz von Julia Hanson von der Plattform des Empire State Building. Alle tragen mit ihren Auskünften ein Steinchen zum Mosaik des Falls bei, die Summe der verschiedenen Eindrücke und Versionen ergeben am Ende einen blassen Deutungsschimmer.

In Die Reise des David Melba erlebt der Leser eine Verwechslung. Melba, der sich für eine Woche aus seinem (Arbeits-)Leben ausklinken will und auf seinen Flug wartet, findet sich gefesselt auf der Toilette des Airports wieder. Zu seinem Unglück trägt Melba die Sachen seines Peinigers.

Die Bücher lesen sich schnell. An manchen Stellen wünscht man sich etwas mehr Futter, etwas mehr Tiefe.

01.10.2016


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EISIGES HERZ
von Giles Blunt, 2006, dt. 2010

Menschen, die trauern, tragen Magneten in der Tasche. Menschen, die eh schon in trauriger Stimmung sind, werden dadurch angesogen. Und Menschen, die heiter ihre Kreise ziehen, halten sich wie automatisch fern. Trauer besitzt ein Kraftfeld, die einen werden von ihm angezogen, die anderen stößt es ab. Bis das Feld der dunklen Kraft schwächer wird und sich die Lust der wechselseitigen Anziehung und Abstoßung in einen unaufgeregten, weil normalen Zustand legt.

Blunts Buch Eisiges Herz erzählt von der Trauer, die Detectiv Cardinal nach dem Tod seiner Frau durchlebt. Selbst wenn Blunt keine neuen Noten der allseits bekannten Abschiedssinfonie hinzufügt, allein wie er seinen Helden durch den Nebel seiner Tage der Fehler und Falscheinschätzungen stolpern lässt ist lesenswert. Eisiges Herz kommt ohne die üblichen halsbrecherischen Aktionen und aufwühlenden Blutorgien aus, und obschon bald klar ist, wer hinter den vielen manipulierten Suiziden steckt, reicht der Spannungsbogen bis zum Schluss. Möglicherweise eben aus diesem Grund: Denn wenn einmal das Geheimnis um das Wer gelüftet ist, bleibt die Frage: Wie wird der Täter überführt?
 
Eisiges Herz ist genau die richtige Lektüre, um das Überfallkammando mit dem Decknamen Herbst mit seinem gemeinen Dimmen des Sonnenlichts gelassen die Schulter zu zeigen.



30.09.2016

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MARS
von Fritz Zorn, 1994, 1977

Das Buch ist eine Abrechnung. Schonungslos seziert Zorn seine eigene Kindheit und Jugend. Die Eltern schirmten ihren Sohn vor allen erdenklichen Fragen und Problemen ab. Behütet geht anders. Der Schweizer Autor wuchs unter einer schalldichten Glocke der Missachtung jener Dinge auf, die ein Leben ausmachen. Die Erziehung, die er genoss, war ein konsequentes Ausblenden aller Zwischentöne, ein Einlullen ins permanente Ja-Sagen. „Ich bin jung und reich und gebildet“, stellt Zorn ohne Bitternis fest. „Und ich bin unglücklich, neurotisch und allein.“


In der WELT erschien vor ein paar Tagen ein Artikel über den ‚autobiografischen Pakt‘. R. Kämmerlings greift Lejeunes Spruch auf, um sich mit den Büchern von Knausgård, Melle und Stuckard-Barre auseinanderzusetzen. In der heutigen Literatur habe das Selbsterlebte die Fiktion abgelöst, meint Kämmerlings. Und weiter: ‚Von Schreibtisch-Einzelkämpfern mühsam recherchierte Romane haben es zunehmend schwer …‘

Die klugen und leisen Töne, die Adolf Muschg dem Buch Mars vorausschickt, wecken ein Interesse, welches auf den folgenden Seiten nicht enttäuscht wird.
Fritz Zorn, der, nicht weniger richtungsweisend eigentlich Fritz Angst hieß, erlebte die Veröffentlichung von Mars nicht mehr. Eigen und kühl macht der Autor seine zunächst diagnostizierte und schließlich fortschreitende Erkrankung selbst zum Thema im Buch. Mit zweiunddreißig Jahren verstarb Zorn.

15.09.2016

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ZEITEN DER STILLE
von Thomas Merton, 1992

Früh verliert Thomas Merton seine Eltern. Nach Jahren des Wanderns und Suchens tritt er in ein Kloster. Doch bald holt ihn die Welt mit ihrer Unruhe und Geschäftigkeit ein, in der Enge der Zellen findet Merton nur selten Zeit zur Versenkung. Er wird krank. Der Abt lässt ihn gewähren, eine Hütte nahe dem Kloster zu beziehen. Als Einsiedler findet er wieder zum Gebet und zu der von ihm so geliebten Stille. Er pflegt zahlreiche Korrespondenzen, schreibt Bücher. Das Buch Zeiten der Stille bündelt Aufsätze und Gedanken von Merton. Die begleitenden Worte des Herausgebers B. Schellenberger halten sich stets in der wenig geschmeidigen Verbeugung vor dem Meister. (Dagegen hält H. Sommer in dem Sammelband Die bedeutendsten Mystiker nicht hinter dem sprichwörtlichen Berg, auf Ungenauigkeiten in den Schriften von Merton derart harsch hinzuweisen, dass die Kritik einer satten Majestätsbeleidigung gleichkommt.)

Unmittelbar nach einem Vortrag, den Merton viele Flugstunden vom Kloster entfernt in einer Großstadt hält, stirbt der Geistliche. Seine letzte Ruhe findet er im Garten des Klosters. Heute noch, so erzählt man, könne man einen Fink beobachten, der an manchen Tagen auf jenem Stein sitzt. Als wäre dies der Platz, den der Vogel lange gesucht hat, putz er sich ausgiebig und schaue ziellos umher. Es dauere, heißt es weiter, bis man bemerkt, dass der Vogel, der für seine ungebremste Schwatzhaftigkeit bekannt ist, keinen Ton von sich gibt, dass er schweigt.


22.08./04.09.2016

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DUNST
und andere unheimliche Geschichten
von Stefan Grabinski, dt. 1989

Als Grabinski im Jahr 1887 das Licht der Welt erblickte, waren in seiner Heimat die ersten Gleise verlegt, auch die ersten Eisenbahnen rollten bereits durch Polen. Dem Autor war es jedoch vergönnt, den rasanten Ausbau des Streckennetzes nebst den damit verbundenen Begleiterscheinungen zu erleben. Die grölenden und kolossalen sowie schwitzenden Ungeheuer aus Eisen müssen in einer Zeit, die weitaus leiser und bedächtiger als die heutige war, einen ohrenbetäubenden, ja höllischen Eindruck vermittelt haben. Die Revolution, die der Einsatz der Eisenbahn für das ausgehende 19. Jahrhundert bedeutete, war noch nicht bis zum letzten Fragenzeichen ausformuliert. Der Alltag erlebte eine Beschleunigung, die radikaler war, als viele Veränderungen zuvor. Im Schmelzen der Entfernungen rückten die Menschen zusammen, wirklich näher kamen sie sich dadurch nicht. Die Technik begann sich vom Verstand des Menschen, der bis dahin meinte, ein Rundumversteher zu sein, sprichwörtlich abzukoppeln. Nur so kann ich mir die Affinität des Autors erklären, in einer Vielzahl seiner Geschichten die Eisenbahn als Umgebung seiner unheimlichen Geschehnisse zu wählen.

Unheimlich sind die Geschichten, weil sie anders sind, nicht weil sie mit Schockelementen hantieren. Grabinskis Fantasie, so schräg sie an manchen Stellen ist, bewegt sich nie auf dem Terrain der Unmöglichkeit. Alles ist überhöht und überspitzt, gerade deshalb ist alles ungemein realistisch. Um sich mit dem Schaffen des polnischen Autors vertraut zu machen dient der Band Dunst hervorragend.

Nebenbei: Dass Übersetzer in einem Nachwort zu ihrer Arbeit Stellung beziehen, ist zu begrüßen. Sie, die Übersetzer sind es, die einen Text übertragen und damit für den fremdsprachenunkundigen Leser einer unerlässlichen Arbeit nachgehen. Dass sie aber ebenso aufrichtig bekennen, programmatisch in die Vorlage eingegriffen und gleich einem Lektor geändert oder/und gekürzt haben, war mir neu.  

18.08.2016


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PERMAFROST
von Oeivind Hanes, dt. 2001

Hanes stammt aus Norwegen, er schreibt Romane und komponiert. Im Mittelpunkt von Permafrost steht die Suche nach dem eigenen Vater. Auf einer Auslandsreise wird mitten der siebziger Jahre des letzten Jahrhunderts ein Wissenschaftler zurück in die Heimat Litauen beordert. Die Familie, die mit dem Vater in Oslo weilte, bleibt zurück. Man macht sich so seine Gedanken, versucht das Schlimme auszublenden. Nach dem Tod der Mutter findet der Sohn einen Brief. Darin teilte ein ehemaliger Kollege des Vaters der Mutter mit, dass ihr Mann nach der Flucht aus einem Lager gestorben ist.

Der junge Mann fühlt sich vor dem Kopf gestoßen. Weshalb hat ihn die Mutter nichts von dem Brief gesagt? Warum verschwieg sie ihm zeitlebens diese Nachricht? Aufgewühlt und fragend macht er sich nach Russland zur Spurensuche auf.

Der Permafrost konserviert die Toten im Bauch der Taiga. Will man die entdeckten Leichen bestatten, setzt man sie dem Verfall aus: innerhalb kürzester Zeit verlieren sie jegliche Form. Das Vergangene ist nicht tot; es nicht einmal vergangen. Die Diktatur balsamierte seine Opfer, als rühmte sich das System seines Umgangs mit seinen Bürgern. Erst die Freiheit und mit ihr die feinen Regungen der Menschlichkeit zerstört die Überreste.

Das Buch überrascht mit einem eigenwilligen Stil und einem unerwarteten Schluss.   

13.08.2016
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IN ANDREWS KOPF
von E.L. Doctorow, 2014, dt. 2015

In seinem letzten Buch erzählt Doctorow die Geschichte des Kognitionswissenschaftlers Andrew. Die Berufsbezeichnung ist an dieser Stelle wichtig, da Andrew oder der, der seine Geschichte stellvertretend erzählt, im Buch sehr oft und sehr ausgiebig diese relativ junge Wissenschaft anführt.


An manchen Stellen geht es In Andrews Kopf urkomisch, gerade dort, wo Andrew mit seinem Psychiater plaudert. Dann wieder gibt es ernste, nachdenkliche Töne. Die amerikanische Wunde vom September 2001 wird auch hier behandelt (siehe u.a. der Roman Falling Man von Don DeLillo).

Ebenso wenig geradlinig, wie das Leben von Andrew verläuft, so sprunghaft ist die Erzählweise des amerikanischen Altmeisters Doctorow. Auch kann man sich nie ganz sicher sein, was ist jetzt Fakt, was Erfindung. Und so bleibt der ganze Romanfluss in der Schwebe.

27.07.2016

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DEZEMBER
von Alexander Kluge und Gerhard Richter, 2010


Um es gleich zu sagen: Ich kann es nur wärmstens empfehlen, sich die 39 Geschichten und 39 Bildern, die der Band Dezember beinhaltet, in der Hochzeit des Sommers zu gönnen.
 

Kluge und Richter sind beide Jahrgang 1932. Sie gelten als Meister ihres Fachs. Kluge ist der ungemein gebildete Filmemacher und Geschichtenerzähler, Richter dagegen jener Maler, der in allen großen Häusern ausstellen durfte. Dass seine Bilder zu Summen gehandelt werden, die jede Vorstellungskraft sprengen, erhöhte sicher auch noch seine Popularität, mag aber nicht unbedingt als Indiz für Qualität gelten.

Die beiden Herren also fanden Silvester 2009 zusammen und widmeten dem Wintermonat Dezember ein paar nachdenkliche, wie überraschende Anekdoten sowie dreimal dreizehn Fotografien, die jene oft verhüllte Farbigkeit des Winters mittels Schwarzweißbilder einfangen.


23.07.2016

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DAS ALLER LETZTE GEFECHT
von Wolfgang Pohrt, 2013

Pohrts Streitschrift rechnet ab, zieht blank und lässt einstürzen. Pohrts Kapitalismuskritik wird nur schlüssig mit seiner Linkenkritik. Wie Pohrt als ehemaliger Konkret-Autor über linkes Gedankengut herzieht, ist gewöhnungsbedürftig und stellenweise schwer verdaubar. Beim Lesen von Das aller letzte Gefecht drängte sich mir immer wieder der Spruch von den Kritikern der Elche auf.

Ungewöhnlich hart geht Pohrt mit dem Gedanken an die heile Welt ins Gericht, keinen Stein belässt er auf dem anderen. Alternativen aufzuzeigen ist seine Sache nicht. Da war einst Rudolf Bahro mutiger. Oder auch versponnener. Pohrt geht es um eine die Tiefe meidende Bestandsaufnahme, so überzogen und polemisch sie auch sein mag.

15.06.2016

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DIE FRAU IM DUNKELN

von Elena Ferrante, 2006, dt. 2007

Elena Ferrante ist ein Pseudonym, bis heute weiß man nicht, wer die Schriftstellerin ist. Es gibt auch Stimmen, die meinen, Ferrante sei ein Mann. Dass sich Autoren in der heutigen Zeit der Öffentlichkeit derart robust entziehen können, ist beachtlich.

Die Frau im Dunkeln ist eine erfolgreiche Universitätsgelehrte, die ein paar Tage am Strand verbringt. In dem die Frau von ihrem Sonnenschirm eine Familie beobachtet, erinnert sie sich an ihre Kindheit, an ihre Jugend und an ihre Zeit, als sie zwei Kinder und ihren Mann verlässt.
Das Buch erzählt von einer Frau, die eine Krise erlebt. So unverständlich die eine oder andere Handlung der doch so belesenen Frau ist, die Geschichte fesselt von Beginn. Es ist wie bei einem Unfall auf der Straße: Man ahnt, dass das, was man sieht, nicht gut für einen ist, dennoch kann man seinen Blick von der Katastrophe nicht abwenden.

26.06.2016

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LITTLE BIRD

von Camilla Way, 2009, dt. 2010.

Little Bird ist nach Schwarzer Sommer von 2008der zweite Roman der Amerikanerin. Elodie wird als zweijähriges Kind entführt und verbringt ihre Kindheit fortan mit einem stummen Mann fern ab der Zivilisation tief im Wald. Als der Mann stirbt gelangt das Mädchen in die Fänge einer Psychologin, die an ihr, dem weiblichen Kaspar Hauser, ein wissenschaftliches Exempel statuiert. Dumm nur, dass der leibliche Sohn der Ärztin herzlos und unverstanden in ein Internat abgeschoben wird.

Erst ab Seite 231 kommt das Buch Little Bird in Schwung, hier und da fesselt es sogar. Doch es folgen immer wieder lange Passagen, die sich wortreich der Erörterung sämtlicher Nebennebennebenschauplätze ergehen. Da zündete der erste Roman eher, auch wenn der nur – oder deshalb – etwas über zweihunderten Seiten zu bieten hatte.


09.06.2016

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EIN SONNTAG IM SOMMER
von Jonathan Littell, 2009

Die vier kurzen Erzählungen erklären sich wohl am besten, wenn man um des Autors rege Reisetätigkeit für Hilfsorganisationen weiß. Bosnien, Afghanistan, Syrien, Tschetschenien sind nur vier von mehreren Ländern, die Littell als Journalist oder Helfer aufgesucht hat. Ein Sonntag im Sommer mag als zarter Gegenentwurf zu dem 2006 erschienen Mammutwerk Die Wohlgesinnten stehen. Schuf Littell im gerade genannten Roman eine Welt mit realen und fiktiven Menschen, die dem System des sogenannten Tausendjährigen Reichs auf verschiedene Arten dienten, kommen in den vier Études Erfahrungen des Autors zur Sprache.


01.06.2016

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MÜTTER UND SÖHNE
von Colm Tóibin, 2006, dt. 2009

Mit Mütter und Söhne legt Tóibin zehn Erzählungen zu einem reizvollen und wohl noch lange nicht ausgeschöpften Thema vor. Obendrein ist es ein Thema zu dem jede und jeder etwas beitragen kann. Tóibin ist ein irischer Journalist, Bühnenautor und Romancier.
Mütter und Söhne ist ein Kaleidoskop der höchst unterschiedlichen Aufstellungen. Einmal erzählt Tóibin die Geschichte aus der Sicht des Sohnes (‚Der Gebrauch der Vernunft‘), in einer anderen Geschichte ist es die Mutter, die ihren Sohn begleitet (‚Ein Priester in der Familie‘). Tóibins Mütter und Söhne gehen liebevoll und zärtlich, aber auch rau und eindringlich miteinander um. Die Bandbreite der Emotionen ist vielschichtig – wie im richtigen Leben.

1861 erschien von Iwan Turgenjew der Roman Väter und Söhne, jener epische Wurf, der gesellschaftliche Konflikte der Zarenzeit wie die Weltanschauungen der zumeist begüterten Handelnden aufgriff. Legt man die Bücher Väter und Söhne und Mütter und Söhne nebeneinander, fällt einem rasch auf, dass sich Söhne nicht selten mit einer gehörigen Portion Verachtung vom Vater trennen, oder zumindest dies versuchen. (An dieser Stelle lässt Dr. Freud herzlich grüßen!)

Ganz anders bei der Mutter. Hier verläuft die Abnabelung der männlichen Nachhut selten klar und eindeutig, radikale Schnitte bleiben in der Regel aus. Die Lösung (von der Mutter sowie des Problems) pendelt eher – und dies häufig ein Leben lang –  zwischen Anstand und Opposition, Aufbruch und Resignation.

09.05.2016

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DIE KÄLTE IM JULI
von Joe R. Lansdale, 1989, zweite dt. Übersetzung 2015

Lansdales Roman um den Familienvater und Kleinunternehmer Richard Dane spielt in Texas. Also weit weg vom deutschen Leser. Dennoch gelingt es Lansdale auf den ersten Seiten einen Einbruch als das zu schildern, was er ist. Ein unbefugtes Aufsuchen von Lebensräumen, die zuvor als geschützt galten. Danach ist für den Betroffenen nichts mehr wie früher. Die Empfindung schlägt heftig zwischen Verbarrikadieren und Wohnortwechsel. So oder so: Die eigenen vier Wände werden fremd.

Knapp vor einem Monat wurden die neuesten Zahlen veröffentlicht. Im Jahr 2015 gab es in Deutschland ca. 167.000 Einbrüche. Dies bedeutet einen Anstieg um fast 10 Prozent zum Vorjahr.

Texas mag weit weg sein. Was den nächsten Einbruch angeht, mag der heute noch im Nachbarhaus über die Bühne gehen.

Was sich zunächst anschickt, ein klassischer Roman über Vergeltung zu werden, kippt Die Kälte im Juli rasch. Kaum hat Dane den Einbrecher erschossen und macht sich daran, seine Tat zu verarbeiten, also diese zu rechtfertigen, schließlich hat er in Notwehr gehandelt, meldet sich der Vater des Toten. Auf dem Gipfel rivalisierender Väter, entpuppt sich das Opfer als ein anderer.

In Die Kälte im Juli beschreibt Lansdale gekonnt das Urgrauen der modernen Zivilisation, welches sicher nicht nur unter der Sonne von Texas wuchert: der feine Riss eines gediegenen Lebens einer mittelständigen Familie.
Lansdale schreibt derb und flott. Kein geringerer als Daniel Woodrell lobt seine Bücher. Manchmal greift Lansdales Sprache tief unter die Gürtellinie. Und wenn seine Sprache noch tiefer gräbt, fischt sie ein solch schmutziges Wort wie Hundesohn hervor.


22.04.2016
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DIE ABENTEUER DES KORNÉL ESTI
von Dezső Kosztolányi, 1981, dt. 2006

Viele namhafte Autoren hat die ungarische Literatur hervorgebracht. Márai, Kertéz, Dalos, Konrad, Esterházy und eben Kosztolányi. Jedem war bzw. ist eine sehr eigene Handschrift vergönnt (gewesen).
Dezső
Kosztolány war Lyriker, Übersetzer und erster PEN-Präsident seines Landes. Er lebte von 1885 bis 1936. Mit seinen Geschichten um den altklugen wie liebenswürdigen Welterkunder Kornél Esti sind dem Autor wahre Perlen kurzweiliger Minigeschichten geglückt. Lebensphilosophische Traktate, die sich selten über drei Seiten erstrecken. Stets nachdenklich und herrlich komisch. Die Gefahr ins Anekdotische zu rutschen entgeht Kosztolányi auf virtuoser Weise. Er holt aus, steckt romanhaft sein Terrain ab, um im nächsten Moment den Erzählfluss schier abzubremsen. Die Geschichten gleichen Liedern, die mit einer überschaubaren Melodie auskommen. Belanglos mag man nach dem ersten Ton urteilen. Doch beim Versuch des Nachträllerns scheitert man kläglich, zu verzwickt sind die Noten gesetzt. Durch ihre nur scheinbare Harmlosigkeit rütteln die Geschichten liebevoll und empfindsam an den Grundfesten des Mit- wie Gegeneinanders.

19.04.2016
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JACK DER BÄR
von Dan McCall, 1974, dt. 1981

Dan McCall, dessen Bücher aus mir unerfindlichen Gründen aus den deutschen Buchläden verschwunden sind, erzählt Familiengeschichten. Dabei schaut McCall hinter die Fassaden. Seine Familien sind stets unfertige, suchende und vor allem dezimierte Gebilde. Wie in Triphammer, des etwas anderen Polizeiroman aus dem Jahr 1989, lebt in Jack der Bär ein verwitweter Vater mit seinen Kindern zusammen. In beiden Büchern tun die Väter, was sie können, damit ihre Kids anständige Bürger werden. Das das Unterfangen kein Leichtes ist, dürfte selbst dem überzeugtesten Junggesellen geläufig sein. Allein über die Frage, was einen anständigen Bürger ausmacht, lässt sich mindestens einen verregneten Sonntag lang diskutieren. Am Ende des Diskurses bei Kaffee und Kuchen wäre man einer Definition um wichtige Meilen näher gekommen. Und man hätte mal wieder miteinander gesprochen.

In Jack der Bär erzählt McCall das Mühen eines Vaters aus Sicht eines Dreizehnjährigen. Schonungslos und voller Liebe begleitet der Sohn die Irrungen und Wirrungen seines Vaters, der, um für seine Vorbildfunktion gerecht zu werden, auch mal zu wenig vorbildlichen Mitteln greift.
Beide Romane, Jack der Bär und Triphammer, wurden von Harry Rowohlt übertrage
n.

18.04.2016

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ELF ARTEN DER EINSAMKEIT
von Richard Yates, 1962, dt. 2006


Der Band enthält elf Geschichten, die man getrost in der Bahn oder im Garten lesen kann. Taschentuchalarm besteht keiner. Die Stories ziehen einen nicht ins emotionale Tief, sie belassen einen am Ort. Und doch bewegen sie. Ihre Leichtigkeit verwirrt.

Yates Menschen sind gebeutelte, aber keine verzweifelte Existenzen. Sie stehlen sich nicht nachts auf eine Brücke, um ihrem Leben ein Ende zu setzen. Indem sie springen. Yates Menschen vermitteln kaum den Eindruck, an ihrem Alleinsein zu kranken. Ob ihnen ihr Seelenzustand bewusst ist, kann an manchen Stellen in Frage gestellt werden.

Kürzlich las ich von einer Studie, wonach sozial aktive Menschen länger leben als Einzelgänger. Einsamkeit sei, hieß es weiter, ebenso schädlich wie das Inhalieren von fünfzehn Zigaretten täglich.

Yates Menschen sind keine Einzelgänger, sie gehen ihren Weg nur allein. Als Leser meint man sie bestens zu kennen: Der Familienvater von nebenan. Die Lehrerin der Tochter. Die Sprechstundenhilfe des Kardiologen. Sie leben neben und mit einem. Klaglos verrichten sie ihr Tagwerk, für die Mühen, die sie aufbringen müssen, haben sie kein Grummeln übrig. Und doch tragen sie bei ihrem Tun den Mantel Einsamkeit, der jedem schmückt, wenn auch in unterschiedlicher Qualität. Kein Mensch kennt den anderen, postulierte vor Jahren ein deutscher Artenschützer der Einsamkeit. Jeder ist einsam. Yates Geschichten unterstreichen Hermann Hesses Gedanken in unterhaltsamer, kurzweiliger Form.


23.03.2016


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TOMATO RED
von Daniel Woodrell, dt. 2001, 1998

Wenn ich in diesen Tagen Bilder vom amerikanischen Vorwahlkampf verfolge, habe ich oft das Gefühl, einem Footballspiel beizuwohnen. Was sich da im Fernsehen entpuppt, verstehe ich nicht. Weder begreife ich die Regeln, nach dem der Tumult abläuft, noch leuchtet mir der Grund für die ganze Hysterie ein. Menschen, die wie wild Fähnchen und Schildchen schwenken. Dann Männer, die vom Wind aufgebauschte Kostüme tragen und sich wegen einer läppischen Kugel in die Wolle kriegen. Dann wieder eine Frau und andere Männer, die geifernd und kurz vor der Ohnmacht von der Bühne ins Publikum zeigen. Alle, die auf und die vor der Bühne erwecken bei dem Spektakel den Eindruck, als hätten sie zuvor Omas Hausapotheke geplündert und sich sämtliche Tabletten eingeworfen.

Tomato Red gehört zu den frühen Romanen von Woodrell. Auf den knapp zweihundert Seiten findet sich bereits, was sich in den späteren Werken in variierter Form wiederholt – ohne jemals zu langweilen: Das glücklose wie bemühte Aufbegehren von Menschen, deren einzige Wahl vor dem Kühlschrank stattfindet. Eine weitere Flasche Bier? Oder gleich die Flasche mit den schnelleren Umdrehungen. Anderen Wahlen bleiben Woodrells Menschen in der Regel fern. Und es käme einem Wunder gleich, wenn sie von ihrem demokratischen Recht Gebrauch machen wollten, hätten sie denn die Zeit dazu. „Soll das ein Witz sein, Kumpel? Nenn mir einen Grund, weshalb ich in die Stadt fahren und in eins dieser miefigen Wahlbüros gehen sollte. Schwitzen kann ich auch hier. Und dabei muss ich mich nicht mal umziehen.“

T
omato Red ist, wie alle Bücher von Woodrell, das passende Gegenstück zum amerikanischen Vorwahlkampf und auch zu einem Footballspiel: pointiert und geistreich.

06.03.2016

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BIG BAD CITY

von Ed McBain, 1999, dt. 2000

Ed McBain war ein sehr erfolgreicher wie ein überaus produktiver Autor. Die Aufzählung der von ihm verfassten Bücher ist so lang, dass der Mann mindestens fünf Leben haben musste, bis er schließlich 2005 endgültig den Stift aus der Hand legte.

In Big Bad City haben die Ermittler des 87. Polizeireviers den Mord an einer Nonne* aufzuklären. Daneben fahnden sie nach einem Einbrecher, der auf seinen Touren den Geschädigten eigens für sie gebackene Kekse hinterlässt. Den Dieb spüren die Cops rasch auf, da er einen Tatort unglückerlicherweise statt mit seinen Leckereien ausreichend mit DNA-Spuren schmückt. Dafür zieht sich die Aufklärung des Todesfalls hin. Zu verwinkelt und verworren sind die Hintergründe der Toten, die Brustimplantate trug und in einer Rockband sang.
Auf diversen Internetseiten wird Big Bad City im Vergleich zu anderen Romanen von McBain als nicht besonders spannend bewertet. Wie spannend müssen die anderen Bücher sein, wenn ich schon dieses Buch nicht aus der Hand legen konnte? Die Ermittler wie die Bösewichter sind beängstigend durch glaubhafte Studien. Die Dialoge, deren Witz aus dem absurden und ebenso brutalen Alltag entspringen, liegen meilenweit entfernt von den Wortgefechten, mit dem manch hochgelobter Fernsehkrimi trefflich unterhält. Und als schillernde Folie des ganzen Geschehens atmet, schwitzt und hyperventiliert eine namenlose Stadt, die niemals schläft.

*) Dass der Autor oder der Übersetzer eine Nonne mit einer Ordensschwester gleichsetzt bleibt fehlerhaft, auch wenn beide Begriffe anderenorts in halsstarriger Konsequenz als Synonyme gelten.

22.02.2016

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SILBERPFEILE

von Walter Kappacher. 2000/2009

Ein junger Sportjournalist entdeckt in einem Seniorenheim den ehemaligen Motorexperten Paul Windisch. Die Berichte des alten Mannes über die Rennfahrten und Unfälle vor dem Zweiten Weltkrieg, bringen den jungen Schreiberling auf die Fährte einer möglichen Enthüllung. Einmal im Erzählen plaudert der Senior bald von seiner Arbeit in einem Rüstungsbetrieb in der Nähe eines Konzentrationslagers. Und der Journalist muss nicht nur seine geplante Story überdenken.

Für jeden Rennsportfreund bietet das Buch Silberpfeile reichhaltige Schilderungen von rasanten Touren und hochkomplexen Details automobiler Technik. Für einen Leser, der nicht mal eine Fahrerlaubnis sein eigen nennen kann, ist das Buch über weite Strecken eine ziemliche Herausforderung. Dass sich Walter Kappacher, Büchner-Preisträger von 2009, in seinem Roman auf zwei Protagonisten konzentriert, verleiht der Handlung eine klare Übersicht. Bei einem höheren Personalaufgebot wäre ich wohl beim Lesen rasch in Schieflage geraten und in einer der nächstbesten Kurve ausgeschert.

Auf einem der stadteigenen Fernsehkanäle läuft hin und wieder eine Werbung einer großen Hilfsorganisation. https://www.youtube.com/watch?v=6jzx3Ovu5zs

Man sieht ältere Menschen, dann wieder jüngere Menschen. Irgendwann wird klar, dass in dem Spot die alten getrennt von den jüngeren Leuten im Bild erscheinen. Als würden beide Generationen auf unterschiedlichen Planten leben. Oder auf verschiedenen Etagen eines Hauses. Der wortarme Film macht innerhalb einer reichlichen Minute deutlich, dass wir mit den älteren Menschen reden sollten, solange dies noch möglich ist. Gut, dass wusste man vorher. Doch im mit Terminen bepackten Alltag kann ein solch sanfter Hinweis Wunder bewirken.

15.02.2016
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SCHUBERTS WINTERREISE
von Ian Bostridge, 2015

Als ich 2009 an meinem ersten Bühnenprogramm arbeitete, entstand ein Text über das Spazierengehen. Im Text hieß es u.a.:
Weil wir gerade so schön plaudern. Kennen Sie Schubert? Den Schubert, Franz. Also doch. Ich wusste doch, dass Lehrer im Publikum sitzen. Franz Schubert vertonte um 1827 die Texte eines gewissen Müller, Wilhelm. Dieser Müller hatte Liebeskummer. Und weil gerade keine Pistole zur Hand war und das Bloggen noch erfunden werden musste, griff er zu Papier und Feder. „Die Winterreise“. Das klang dann auch so. „Gefrorene Tränen“, „Erstarrung“, „Der greise Kopf“. Wenn es Ihnen mal wieder so richtig dreckig geht, diese Musik sollten Sie meiden. In bestimmten Regionen der Republik ist man dazu übergegangen, die CDs mit dieser Musik nur gegen Vorlage eines Gesundheitszeugnisses zu verkaufen. Depressive, Rentner und andere bedrohte Völker bekommen die CD nicht. Das hat zwar nicht die Selbstmordrate verringert. Aber die Ärzte, die die Zeugnisse ausstellen, erfreuen sich der Nachfrage. Was ich eigentlich sagen wollte. Zu Müllers Zeit bewegten sich Reisende mit einer Geschwindigkeit von drei bis sieben Kilometer in der Stunde…

Aus dem Bühnenprogramm wurde nichts. Ob das für die Menschheit ein herber Verlust war? Keine Ahnung.
Zumindest habe ich damals, anders als vielleicht der kurze Text suggeriert, Schuberts Winterreise sehr oft gehört. 2009 berührte mich diese Musik. Neben Motörhead und Black Sabbath gönnte ich mir gern auch mal sanftere Töne. Natürlich über Kopfhörer, es durfte ja keiner wissen. Die Jahre darauf habe ich Schuberts Musik vernachlässigt. Hin und wieder zuckte der romantische Nerv, aber mit überschaubarem Erfolg.
Mit Ian Bostridge, seines Zeichens Sänger und Autor, näherte ich mich wieder an die musikalische Reise durch den Winter. Und dies auf eine ganz besondere Weise. Aufmerksam und bereit für ein Um-die-Ecke-Denken spaziert Bostridge durch den Liederwald. Er liest zwischen den Verszeilen und schaut hinter jeder Note, hinter jeder Punktierung. Dabei geht Bostridge sehr subjektiv vor, die einfallsreiche, wie unaufdringliche Musik von Schubert gewinnt dadurch sogar an Glanz.

Es gab schon andere Sänger, die über die Winterreise schrieben. Dietrich Fischer-Dieskau zum Beispiel. Auch er sang nicht nur auf den großen Bühnen, er saß gleichfalls daheim am Schreibtisch und hinterließ eine Unmenge an Aufsätzen über musikalische Themen. Bostridge schöpft aus dem Fundus des heutigen Wissens. Die gesellschaftlichen Hintergründe, die bei der ersten Begegnung mit der Winterreise gern überhört werden, beleuchtet Bostridge ebenso wie das Krankheitsbild des Komponisten, der an diesem Liederzyklus selbst noch auf dem Sterbebett gearbeitet hat. 

Wenn Bostridge etwas erklärt, damaliges Gebaren etwa, was uns, dem heutigen ab- wie aufgeklärten Hörer ein müdes Lächeln abringt, verweist er auf unseren Alltag, den wir mit gleichsam seltsamen Pirouetten bestehen. Auf diesem Weg bekommt unsere auf Distanz reduzierte Strategie der Aufklärung recht eindrückliche, recht liebevolle Dellen.


23.01.2016

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ABSCHIED VON MONA LISA
von Roberto Zapperi. Dt. 2010

Wie in einem Krimi beleuchtet und hinterfragt der Historiker das Gemälde, welches wohl mit dem größten Rucksack an ungeklärten Geschichten und halbwahren Legenden aufwartet. Da ist der ungleiche Bildhintergrund. Da ist die Frage um die abgebildete Person. Weshalb dieses Lächeln? Welche Frau ist da wirklich zu sehen? Oder hat der Meister seinen jugendlichen Liebhaber porträtiert? Und wie kann der Meister das Bild gemalt haben, wenn er doch zur Tatzeit nachweislich einseitig gelähmt war?

Mag sein, dass sich Zapperis Buch nur als weiterer Baustein in jenen meterlangen Kanon einreihen wird, der sich der Entzauberung des Bildes von da Vinci verschrieben hat. Dennoch liest sich das Buch Abschied von Mona Lisa ungemein spannend und bietet eine kühne und ebenso schwer zu widerlegende Auflösung des Falls.

08.01.2016

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MAIGRET IN KÜNSTLERKREISEN

von Georges Simenon, 1967, dt. 1990

Simenons Maigret-Romane führen den Leser stets in eine Zeit, in der in Bussen noch geraucht werden durfte und das Telefon an einer Strippe hing. Es sind meist linear geschilderte Begebenheiten, die sich um die Todesfälle drehen. Das alles geschieht unaufgeregt und selten blutig. Dagegen dialogbetont und mit dem aufmerksamen Blick auf die kleinen, unscheinbaren Dinge des Alltags.

In Maigret in Künstlerkreisen begegnet Maigret in gewohnt leiser Art all den verdächtigen wie unverdächtigen Menschen einer Pariser Filmclique. Maigret umkreist, bespricht, bedenkt die Fragen, die sich durch den Tod einer jungen Frau stellen. War die Frau für die einen ein leichtes Mädchen, das unglücklich verheiratet war, wetteten andere auf ihre Karriere beim Film. Der Kommissar lässt sich von der Vielzahl an Deutungshoheiten nicht beirren. Hartnäckig und bisweilen stur folgt er seinem Gespür. Nur seine Pfeife lässt er dabei nur ungern ausgehen.

03.01.2016

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DER DRITTE BRUDER
von Nick McDonell, 2005, dt. 2006

 

Nach dem Buch Zwölf legt der McDonell eine weitere Geschichte vor, die sich vor seiner Haustür abspielt. In manchen Situationen ist er es, der handelt oder ein Handeln vorgibt. McDonell weiß, wovon er schreibt. Nur selten kommt ihm die Nähe in die Quere, die er zu dem Geschehen hat. Dabei mögen, anders als bei Zwölf, die Verwendung unterschiedlicher Stilmittel dienen. Dieses Pendeln lockert den Erzählfluss auf und verführt den Leser sich einer anderen Perspektive zu bedienen.

An einer Stelle denkt die Hauptfigur: … wenn man im Flugzeug schläft und die Maschine abstürzt, weiß man vielleicht bis zu seinem Tod nicht genau, ob man nicht bloß träumt.

Der Gedanke gefällt mir. Aber weshalb bis zu seinem Tod? Der Mensch, der im Flugzeug sitzt und durch den kühlen, dennoch wärmenden Drink wegschlummert, nimmt den Absturz der Maschine vielleicht träumend wahr. Er träumt davon, mit dem Flugzeug abzustürzen. Dieser Traum lehnt sich an die Vorstellung, dass wir unser Leben eventuell nur träumend wahrnehmen. Gewöhnlich wünscht sich der Mensch, im Schlaf zu sterben. Diese Hoffnung mag darin begründet sein, dass der Mensch auf diese Art bei seinem eigenen Ableben nicht zugegen ist. Um nichts anderes bittet Woody Allen mit seiner lapidaren Bemerkung, er hätte keine Angst vor dem Tod, nur möchte er nicht dabei sein, wenn's passiert.
Der Gedanke das Sterben widerfährt mir im Schlaf, lässt mich daran glauben, den Tod träumend zu erleben.

05.12.2015

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JOSSEL RAKOVERS WENDUNG ZU GOTT
von Zvi Kolitz, 1996, 1999

Jossel Rakovers sitzt in der Falle. Als Aufständiger hat er sich in eine Wohnung des Warschauer Ghettos verschanzt. Inzwischen ohne Munition. Um sich ehemalige Freunde und Bekannte. Alle tot. In dieser Situation wendet sich Rakovers zu seinem Gott. Die wenigen Seiten, die seine Ansprache füllen, überraschen. Fragen und Vorwürfe bleiben aus. Jossel Rakovers findet in seiner letzten Lebensstunde einen neuen Zugang zu seinem Gott. Sein Klagelied wird zum Hohelied.

Berühren die wenigen Seiten, so ist die Geschichte um die Geschichte nicht minder spannend. Jahre blieb der Autor, ein Journalist, der Rakovers Wendung unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg in Argentinien schrieb, ungenannt. Der Name des Autors fiel unter den Tisch. Die reale Existenz eines kämpfenden Juden passte besser ins Bild. Nur einer, der den Kampf im Warschauer Ghetto erlebt hatte, konnte solche Zeilen zu Papier bringen.

In einem erhellenden Nachwort klärt Paul Badde die Umstände des Buches auf. Und Arno Lustiger steuert seine Überlegung Zur Transkription aus dem Jiddischen bei.

02.12.2015


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IN ALMAS AUGEN
von Daniel Woodrell, 2013, dt. 2014

Im Mittelpunkt des Buches steht eine Katastrophe von 1929. Zweiundvierzig Menschen sterben bei einer Explosion. Und auch wenn der Urheber des Anschlags bald überführt ist, bleibt die Tat ungesühnt.
Woodrell erzählt die Geschichte in seinem typischen Ton kühler Berichterstattung und poetischen Beschreibungen. Wie Woodrell in wenigen Zeilen jene Schicksale von Menschen skizziert, die bei der Explosion ihr Leben verloren, ist einzigartig.

29.11.2015

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FRIEDHÖFE
von Barbara Bronnen, 1997

Der Deutsche Taschenbuch Verlag, bekannt als dtv, widmete sich bis vor einigen Jahren mittels schmaler Bände dem Thema Leidenschaft. In der Reihe ‚Kleine Philosophie der Passionen‘ gingen verschiedene Autoren z. B. dem Gärtnern, dem Segeln oder dem Bergsteigen nach. Dass sich wer den gerade genannten Freizeitaktivitäten schreibend annimmt, mag einleuchten. Anders liegt es auf dem ersten Blick bei B. Bronnen und ihrer Passion für Friedhöfe. Wer, bitte, kürt das Friedhofgehen als seine Leidenschaft? Welcher vernünftige Mensch geht freiwillig und dann auch noch mit Lust über einen Todesacker?

Natürlich sind meine Fragen rhetorischer Natur. Ich gehöre selbst zu den seltsamen Geschöpfen, die gern vorbei an Grabsteinen passieren und nach Geschichten fahnden, welche hinter den Jahreszahlen schlummern.
Bronnens Überlegungen sind persönlicher, fast privater Natur. Bronnen erzählt von ihrer Großmutter, die sie auf den Geschmack des Friedhofgehens gebracht hat. Sie erzählt von Freunden, mit denen sie über die Friedhöfe zieht, wie andere über den Boulevard. Und Bronnen erzählt von Freunden, die sie an ihren Gräbern besucht, um mit ihnen zu plauschen.
Friedhöfe ist das passende Buch für den Monat November: nachdenklich, nicht traurig.

21.11.2015

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LIEBE BIS IN DEN TOD
von Barbara Bronnen, 2008

Bronnen erzählt die Geschichte zweier Männer, die der Tod eines geliebten Menschen zusammenführt. Anselm Joos, der Richter, hat seinen Sohn verloren und muss über Emanuel Forster urteilen, der seine Frau nach einem langen Schmerzmartyrium erschossen hat. Unaufgeregt und leise kreist Bronnen die Frage um Totschlag oder Tötung aus Verlangen ein. Dabei geht die Autorin immer wieder auf den Blickkontakt der beiden Männer ein, den sie bei der Gerichtsverhandlung miteinander wechseln. Dieser Kontakt der Blicke ist trügerisch. Denn ein Gespräch auf gleicher Augenhöhe gelingt zwischen Richter und Angeklagten so noch lange nicht.

Dass ich das Buch unbewusst als Begleitlektüre parallel zur Bundestagsdebatte zum Thema Professionelle Sterbehilfe las, war, wenn auch ungemein passend, rein zufällig.

Joos wie Forster sind keine holzschnittartigen Sympathieträger. Die Herzen der Leserschaft fliegen ihnen nicht sofort zu. Joos wie Forster, zwei spröde ältere Herren, gehen ihre Wege, völlig unbeirrt, ob diese ins gesellschaftliche Bild passen. Emanuel Forster, der sechzig Jahre mit seiner Frau zusammenlebte, bis er sie mit einem Kopfschuss tötet. Joos, der mit seinem letzten Fall hadert und zweifelt, als stünde er am Anfang seiner Richterkarriere. Ist der mitleidigste Mensch der beste Mensch? fragt Joos an einer Stelle. Dass es darauf keine Antwort gibt, gehört zu den Stärken von Liebe bis in den Tod.

Der ungarische Autor Imre Kertész schreibt am 05. September 2001 in sein Tagebuch: …diese Bedenkenlosigkeit, mit der ich über den Tod rede … ist das ernst oder nicht? … Das Leiden – allein das Leiden ist ernst. Ich fürchte mich vor dem Leiden Magdas, und ich kann ihr Leid nur lindern, wenn ich mit ihr leide, und so wird es doppeltes Leid sein, für sie sowohl wie für mich. Für einen, schreibt Kertész, der nicht liebt, ist es einfacher.

07.11.2015

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SANFTES UNHEIL
von Ross Macdonald, 1958, dt. 1960

Ross Macdonald schrieb das Buch 1958. Madonna Louise Ciccone, heute als Madonna bekannt erblickte das Licht der Welt, Charles de Gaulle wurde Präsident von Frankreich und Pasternak erhielt den Literaturnobelpreis.
Macdonald erhielt zahlreiche Preise. Der Nobelpreis für Literatur blieb ihm erspart.
Macdonalds Krimis sind Familienaufstellungen. Stets geht es in seinen Büchern um die Vergangenheit, die in die Gegenwart der meist wohlhabenden Familien strahlt. Neben freudschen Erkenntnissen sind es auch gern Zutaten aus der kuschligen Küchenpsychologie, die die Buchstabensuppe würzen. Jede Figur hat seinen Schatten, hat Gründe das eine zu tun, das andere zu lassen. Dabei dienen Macdonald, getreu der Tradition von Chandler oder Hammett, die Dialoge, um die jeweiligen Charaktere zu zeichnen.

Etwas früh für einen Besuch klopft der aus Psychiatrie geflohene Carl Hallmann Lew Archer aus dem Schlaf. Und da dieser Hallmann den Detektiv niederschlägt und dessen Auto entwendet, verfolgt Archer die Spur von Hallmann. Er will sein Auto zurück und die Unschuld des vermeintlich Geisteskranken beweisen.

Am Ende von Sanftes Unheil gibt es einen seitenlangen Monolog. Dies verwundert zunächst für ein Buch, das von Rede und Gegenrede lebt. Wer diesen Monolog schließlich hält ist die eigentliche Überraschung.

02.11.2015

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UNTER NULL
Bret Easton Ellis, 1985

Es gibt sie immer wieder, jene literarische Überflieger, die kaum volljährig ihre eigene Generation in einem Buch verewigen. Bret E. Ellis gehört zur Gilde der jugendlichen Bestsellerautoren. In angesagten Foren wird der Autor als der gefeiert, der das Fundament legte, auf den Nick McDonell sein Buch Zwölf hievte. Beide Autoren werfen einen klaren, wie sachlichen Blick auf ihre Welt. Nur mit einigen Jahren der Verzögerung. Ellis 1985, McDonell 2002.

Ellis schrieb sein Buch Unter Null mit gerade mal zwanzig Jahren. Die, die im Mittelpunkt seines Romans stehen, sind in seinem Alter. Ab und an erinnert Ellis den Leser höflich daran, zu oft flieht man beim Lesen in den Wunsch, das Buch möge von Menschen handeln, deren Leben sich bereits auf der Zielgeraden befindet. Unter Null beschreibt eine kollektive Abstumpfung – lange vor möglichen Zielgeraden.

An einer Stelle des Romans sagt Alana zu Clay, dem Ich-Erzähler: „Ich glaube, wir haben alle eine bestimmte Art von Gefühl verloren.“

Diese schlichte Vermutung beschreibt den Kern der Geschichte. Unter Null zielt auf das beschränkte Repertoire von  Emotionen der Protagonisten. Sie schwitzen in L.A. vor sich hin und hausen doch in Gefriertruhen. Die junge Leute verbringen ihren Semesterurlaub in einer Art Dauerfeierschleife. Mit teuren Autos steuern sie jede erdenkliche Party an. Valium hilft ihnen, um vom Koks runterzukommen. Alle tragen Sonnenbrillen, doch nicht, weil das Wetter dazu einlädt. Die Brillen dienen der Tarnung, denn so bleiben die Augen besser verborgen. Ob der Brillenträger sein Gegenüber nun beobachtet oder ob er einfach vor sich hin döst, man sieht es nicht.

Am Ende des Buches fragt die Freundin den Ich-Erzähler, ob er sie jemals gemocht hat. „Ich will überhaupt nichts mögen“, antwortet Clay. „Wenn ich irgendwas mag, dann wird’s dadurch nur noch schlimmer, dann muss ich mir darum auch noch Sorgen machen. Und das kann weh tun, und deshalb lass ich‘s lieber gleich sein.“

05.10.2015

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STOFF OHNE ENDE
von Daniel Woodrell, 1996,1998

Hier gibt’s was auf die Mütze. Aber mächtig. Woodrells Sätze funkeln wie Rasierklingen. Die Sprache ist finster, derb und fies. Und über der Geschichte schwebt ein süßlicher Duft.

Stoff ohne Ende
ist ein überaus erdiger Blues, bei dem sich zarte Geister die Finger blutig zupfen. Zum Ende hin dreht der raue Song noch mal richtig auf.  

Den Rest der Nacht genießt man besser in der Sonne.
Stoff ohne Ende. Allein der Titel grient doppelbödig.
24.03.2015