flaschenpost-leipzig
Volkmar Wirth (ehemals Wirth-Kresse)







INSIDE MAN
von Spike Lee, 2006

Wenn Krimis, um den altmodischen Begriff zu verwenden, wenn also Krimis gesellschaftskritische Töne anschlagen geht das oft ins Auge. Da taucht rasch der große Zeigefinger auf und verdunkelt die Handlung mit moralischem Gehabe. Der Film Inside Man umgeht anfangs gekonnt die gefährlichen Klippen, doch nach und nach blockiert der aufgeregte Fingerzeig auch hier das Spiel.

           Eine Gruppe in Arbeitsmontur gekleideter Gangster nimmt eine Bank in Beschlag. Die Angestellten und Kunden des Geldhauses werden ebenfalls in Arbeitskombi gekleidet. War es schon vorher schwer, Gut und Böse zu unterscheiden, jetzt ist es unmöglich.

           Denzel Washington, der den auffallend wachen Inspektor Frazier gibt, ahnt bald, dass er keinen gewöhnlichen Bankraub mit Geiselnahme zu klären hat. Und er soll recht behalten.

           Sein Gegenpart und Oberräuber Russell, gespielt von Clive Owen, hat alle Eventualitäten eingeplant. Er führt die Ermittler lange Zeit kunstvoll an der Nase herum, um am Ende mit erhobenem Haupt und trotzdem unerkannt das Haus zu verlassen.

           Nach der Stürmung des Gebäudes stellt Frazier mit seinen Leuten fest, dass die Gauner entweder geflohen sind oder sich unter den Geiseln befinden. Also müssen die Geiseln nach deren Befreiung einzeln befragt werden. Jeder von ihnen kann zum Kreis der Bösen gehören. (Diese Szenen sind herrlich absurd und besitzen einige Komik.) Und als wäre das Verwirrspiel nicht groß genug, müssen die Ermittler feststellen, dass die Bösewichter kein Geld gestohlen haben.

           Das alles hat einen ungemeinen Unterhaltungswert und ist von Spike Lee spannend in Szene gesetzt. Wenn da nicht die Anwältin Madeline White wäre. Jodie Foster gibt die taffe Dame, die selbstverständlich in den höchsten Kreisen verkehrt und eben mal so dem Bürgermeister die Pistole an die Brust setzt. Diese Nebenhandlung ist wenig zwingend und überflüssiger Politkitsch. Dass eine Stadt selten nur von Heiligen geführt wird, sollte sich rumgesprochen haben. Und indem die Bösewichter es einzig auf das hochbrisante Raubgut absahen, das im Schließfach des eigentlichen Gauners, dem Bankdirektor (Christopher Plummer) schlummert, verliert sich das Ganze in eine weitere Robin-Hood-Verfilmung. Dann lieber gleich die „Dreigroschenoper“, in der es heißt: „Was ist ein Dietrich gegen eine Aktie? Was ist der Einbruch in eine Bank gegen die Gründung einer Bank?“
Dezember 2008/Juli 2019

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IT MUST SCHWING
von Eric Friedler

Es gibt wohl kaum jemand, der gern Modern Jazz hört und nicht wenigstens eine Platte aus dem Hause Blue Note besitzt. Dass dies eines Tages so kommen wird, daran werden Alfred Lion und Frank Wolff, die beiden Gründer des heute legendären Labels, keinen Gedanken verschwendet haben. Denn seit der Gründung von Blue Note im Jahr 1939 waren sie zwangsläufig mehr um den Erhalt ihrer Firma bemüht, als dass sie ihre kostbare Zeit mit Zukunftsmusik verschwendeten. Sie hörten Jazz. Als aus Deutschland geflohene Aussiedler hörten sie die Musik der Entrechteten Amerikas. In einer Zeit, da selbst in den amerikanischen Metropolen noch immer der Rassismus zum Alltag zählte, machten Lion und Wolff ihre Liebe zum Jazz zum Beruf. Sie spürten die meist schwarzen Musiker auf, luden sie gern nach nächtlichen Konzerten ins Studio ein, bewirteten sie und nahmen deren Stücke auf. Lion, der Kopf des Ganzen, der Manager und Kümmerer. Frank, der ultimative Ruhepol, der lieber das Geschehen mit seiner Kamera festhielt, als es zu wortreich zu kommentieren.

Eric Friedler bedient sich in seinem fast zwei Stunden währenden Film eines Kunstgriffs. Da von den Firmengründern wenig geeignetes Filmmaterial existiert, lässt er die wichtigsten Lebensabschnitte der beiden per Animation nachstellen. Ihre erste Begegnung mit der Musik im pulsierenden Berlin der dreißiger Jahre. Ihre Flucht und deren Ankunft im Gelobten Land. Die ersten Gehversuche in New York. Das ist für den Zuschauer gewöhnungsbedürftig, zwar sprechen die Figuren Lippensynchron, doch die Augen bleiben puppenhaft starr und unbeteiligt. Wenn man sich einmal auf die ungewöhnliche Perspektive eingelassen hat, erkennt man bald die Finessen in der Bildfindung, die nur ein Comic ermöglicht.

Neben der plausiblen Erzählung vom Wirken zweier Visionärer, gelingt es Friedler viele der großen Musiker von einst vor die Kamera zu bekommen: Wayne Shorter, Herbie Hancock, Sonny Rollins, Quincy Jones und andere. Wie die über ihre Entdecker und Förderer sprechen und dies lange nach der Glanzzeit von Blue Note berührt und weckt Achtung. In einem Umfeld, wo künstlerische Entfaltung und finanzielle Not zur Medaille des kreativen Schaffens zählten, überwog am Ende – bei all vorhandener Missgunst und Eitelkeit – vor allem die Dankbarkeit.
22.01.2019

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TRUE GRIT
von J. und E. Joen, 2010

Die 14-Jährige Mattie Ross macht sich auf, um den Mörder ihres Vaters zu suchen. Dabei lässt die junge Frau von der ersten Szene keinen Zweifel aufkommen, dass sie alles, aber wirklich alles an der Umsetzung ihres Ziels einsetzen wird. Und so kommt es, dass der Zuschauer in der ersten halben Stunde, die filmisch durchaus ihre Längen hat, damit beschäftigt ist, seine Sympathie der jungen Darstellerin zu schenken.

Mit Verve und Hartnäckigkeit gelingt es Matti, Geld aufzutreiben und Marshal Cogburn, ein trinkendes Raubein, zur Hatz auf den flüchtenden Mörder zu überreden. Der Texas Ranger LaBeouf gesellt sich dazu, nimmt seinen Hut, um sich, als es ernst wird, dem kleinen Trupp wieder anzuschließen.

Es folgen, für einen Western nicht ungewöhnlich, Turbulenzen und ein Reigen schöner und teilweise drastischer Bilder. Die wechselnde Landschaft spielt auch in diesem Film der Joen-Brüder eine markante Rolle: Feuer und Wasser, Sonne und Schnee; und wer von all den Kugeln verschont bleibt, den beißt eine Giftschlange.

Natürlich war und ist Hailee Steinfeld als Darstellerin der Matti die Entdeckung des Films, dass nicht mehr als eine Oscar-Nummerierung für sie wurde, verwundert heute wie es 2011 erstaunte. Wie sich Steinfeld, die bei den Dreharbeiten dreizehn Jahre alt war, gegenüber Hollywood-Matadoren Jeff Brigds (Cogburn) und Matt Damon (Ranger) behauptet, ist mit dem Prädikat großartig reichlich untertrieben. Ein Beleg für die sensible Führung der Regisseure ist diese Leistung allemal.

Was jedoch selbst bei diesem Film unangenehm aufstößt ist die ultimative Treffsicherheit der waffenverliebten Westernhelden. Da landen Schüsse aus Revolvern in einer Entfernung von hundert Metern schnörkellos ins Ziel, obschon diese Handfeuerwaffen eine ähnliche, also eher lausige Körperpflege erhalten wie ihre Träger und gerade mal für den Nahkampf ausgestattet sind. Anders und viel realer dagegen die Darstellung des Rückstoßes jener Waffen, die Mattie benutzt.

29.12.2018

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BAUERNOPFER
Spiel der Könige
von Edward Zwick, 2014


Der Film führt in das Jahr 1972. Brandt wird Bundeskanzler, Böll erhält den Literaturnobelpreis und in München finden die XX. Olympischen Spiele statt. In Amerika regiert Nixon und in der Sowjetunion Breschnew. Und im isländischen Reykjavik stellt sich der amtierende Schachweltmeister Spasski dem Amerikaner Fischer.

Dieses Match wurde zum medialen Highlight, nicht nur, weil der Herausforderer durch seine Launen dem Wettstreit eine unterhaltsame Würze verlieh. In Ost und West sah man das Ringen um die zweimal sechszehn Figuren als den Kampf der beiden sich gegenüberstehenden Ideologien. Der Kalte Krieg griff der heutigen Erderwärmung voraus. So tolerierten die Hintermänner von Fischer dessen Allüren und arbeiteten emsig die neuen Forderungskataloge ihres Champions ab, solange dieser den Sieg für die Nation einfuhr. 

Zur bitteren Ironie der Geschichte gehört, dass beide Spieler wenige Jahre später von den Mächtigen ihrer Länder fallengelassen wurden: Spasski verließ die Sowjetunion und ging nach Frankreich, Fischer wurde zum Weltenbummler, bis er in Island seine neue Heimat fand.*

Der Film Bauernopfer erzählt die Geschichte aus der Sicht Fischers. Ausführlich begleitet die Kamera den jungen Bobby, der sich sämtliche Eröffnungen und Verteidigungen und Offensivlinien selbst aneignet. Kaum hat er den Stimmbruch gemeistert, verblüfft er seine Umwelt mit seinen eigenwilligen Zügen von Springer und Turm sowie mit seinem nicht minder sonderbaren Auftreten. Tobey Maguire spielt den noch nicht mal 30-Jährigen, der nach dem Weltmeistertitel greift: exzentrisch und besessen, von Hochmut getrieben und von Selbstzweifel geplagt, fordernd und misstrauisch bis zum Verfolgungswahn. Liev Schreiber ist ein Boris Spasski, der hinter der Verrücktheit seines Kontrahenten ein Fragezeichen setzt und dennoch an dessen Art zu spielen oder nicht zu spielen zunehmend die Geduld und schließlich jeden Halt verliert.

Hätte Fischer nicht seine Schattenseiten gehabt, die Verfilmung einiger Schachspiele im Winter wäre wohl schon vor der Finanzierung gescheitert. Beim Verfolgen eines Schachspiels erlebt man ungefähr den Kick, als säße man vor dem Pausenbild**. Doch selbst wenn der Regisseur Zwick einmal Fischers psychotisches Tun außenvorlässt und das Spiel der beiden Kontrahenten in den Mittelpunkt rückt, verliert das Ganze mitnichten an Spannung. Immer wieder überrascht die Kamera, indem sie die Szenerie am Brett aus einer anderen Perspektive festhält. Jeder Gesichtszug, jeder Gesten und jeder Blick der Spieler spiegelt das Wissen um die aufgeladene Bedeutung der Mission.

*) 1978 hießen die Spieler Karpow und Kortschnoi. Selbst bei dieser Weltmeisterschaft, die auf den Philippinen ausgetragen wurde, hockte der Kalte Krieg mit am Tisch. Während Karpow für die Sowjetbürger spielte, hatte sich Kortschnoi, der einst in der Sowjetunion aufgewachsen war, zwei Jahre vor der WM einen Aufenthalt in Amsterdam genutzt, um sich abzusetzen.
**) Zugegeben, es gibt heute kaum noch Fernsehsender, die mit einem Pausenbild aufwarten können, doch 1972 gehörte ein solches Bild zu jedem guten Sender.
23.12.2018

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SIEBEN
von David Fincher, 1995

Sieben ist der zweite Film von dem Regisseur, der 2011 für seine Biografie über den Facebook-Macher für eine Oscartrophäe nominiert war. Der Filmtitel geht auf die bekannten Todsünden der katholischen Kirche zurück. Da der Film die Fahne des Bildungsauftrages* hochhält, wird der Fakt von den Tod bringenden Verfehlungen einem Mantra gleich zur Sprache gebracht.

Fincher drehte seinen Film vier Jahre nach Das Schweigen der Lämmer** von J. Demme. Die Anwendung einiger visueller Effekte trägt dazu bei, dass die Bilder grober und körniger wirken. Die Leute sind gedeckt gekleidet, die Räume und Zimmer bleiben meist fensterlos. Und auf den Straßen regnet es, als ginge ein Monsun über die namenlose amerikanische Stadt nieder. Die Düsternis, die in den Szenen vorherrscht, ist erdrückend. So gelingt es dem Blut leicht, jenem Saft mit seiner unnachahmlichen Farbe, sich die Hauptrolle in dem Streifen  anzueihnen.

William Somerset, der von Morgan Freeman als abgeklärten und ausgebremsten Detectiv gespielt wird, will in sieben (sic!) Tagen seinen Ruhestand antreten. Und just im Moment des leisen Abtritts wird der Ermittler an den Ort eines grausigen Verbrechens gerufen. Natürlich fällt einem alten Hasen wie ihm sofort auf, dass die blutige Szenerie, die er zu begutachten hat, der Beginn einer langen wie kräftezehrenden Hatz bedeutet. Brad Pritt spielt, nervös und fiebrig, Freemans ehrgeizigen Adjutanten Mills. Seine jugendlich fahrige Unruhe, die schwer dessen explosive Impulsivität kanalisiert, bildet den notwendigen Kontrast zum erfahrenen Meister, der beim Klang des Metronoms seine nächtliche Entspannung findet. 

Um die Erwartungen zu erfüllen, die an einen Thriller gestellt werden, werden die Tatorte immer ausgefeilter und gestylter. Kurz bevor der Film vollends ins aufgemotzt eklige Allerlei gleitet, stellt sich der vermeintliche Serienmörder der Polizei – natürlich mit blutigen Händen. Und siehe da: Kevin Spacey, der den gesuchten John Done gibt, rettet den aufgeblähten wie bedeutungsschwangeren Reißer und dreht das Geschehen um 180 Grad. Spaceys in sich ruhende, kalt manipulierende Art ist wenig dämonisch sondern in seiner selbstgerechten Erhabenheit abgrundtief menschlich. Gern hätte man ihn mehr als in den letzten dreißig Minuten gesehen.


*) Der Film erhielt von der Deutschen Film- und Medienbewertung FBW das Prädikat wertvoll.

**) Die Filmmusik von Sieben und Das Schweigen der Lämmer stammt von dem kanadischen Musiker Howard Shore.
Oktober 2018


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BIG LEBOWSKI
von den Brüdern Coen, 1998

Wer auf Verwechslungskomödien steht, wer quirlige Typen mag, die nicht allein ein Abziehbild einer beliebigen Karikatur imitieren, sondern die sich auch durch Charakter auszeichnen, wer gegen die inflationäre Verwendung von Schimpfworten und Flüchen keinerlei Einwände hegt, wer die Bilder gern mit reichlich Musik unterfüttert konsumiert, wer einen herrlich schlurfenden und sich hinter einer schwerelos süßen Wolke versteckenden Jeff Bridgs erleben will sowie einen von seinen Vietnamerlebnissen in den bellenden Jähzorn getriebenen John Goodman und eine verschrobene Künstlerin vom anderen Ufer, die von einer Schwangerschaft träumt und auf urkomische Traumsequenzen steht, der kann bei Big Lebowski nichts falsch machen - es sei denn, man hat mit Bowling, jenem Möchtegern-Kegel-Spiel nichts am Hut. 

Der Film ist ein abgedrehter und teils mitunter gemeiner Spaß der Gebrüder Coen, die für ihre bizarre Figurenzeichnung bekannt sein sollten. Selbst die ansonsten bedeckt gehaltenen Nebenrollen, deren Textbücher auf Streichholzschachteln passen, erhalten hier beindruckende Tiefen.

An dieser Stelle sei noch ein Wort zu der deutschen Synchronisation verloren. Völlig überraschend, weil ungewohnt, bedienten sich die Mitarbeiter der deutschen Fassung namhafter Sprecher, die in DDR-Filmen und DDR-Hörspielen prägende phonetische Duftmarken hinterließen: Hans Teuscher und Gunter Schoß. Erst der Einsatz ihrer qualifizierten Stimmen für die Synchronisation eines amerikanischen Films verdeutlicht ziemlich schmerzhaft deren (wendebedingter?) Ausmusterung.

August 2018

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SCHOCKWELLEN
Vierteilige Serie, arte 2018

Die Miniserie Schockwellen greift wahre Kriminalfälle auf, die die Schweizer Republik vor Jahren erschütterten. In der ersten Folge Tagebuch des Todes erschießt der 18-jährige Schüler Benjamin (Kacy Mottet Klein) mit der Waffe seines Vaters die Eltern. Auf die Frage des Richters, weshalb er das getan hat, antwortet der Junge, dass er es nicht weiß. Vor seiner Tat nahm er sich den Rat seiner Lehrerin (Fanny Ardant) an und führte Tagebuch. Darin schildert er seine zunehmende Entfremdung zu seinem Vater. Aus dem Tagebuch liest im Unterricht vor und wird von der Dozentin gelobt. Eine Woche vor dem Doppelmord bleibt der Junge zu Hause und dokumentiert seine Gedanken, die ihn mehr und mehr zu der Tat treiben. Am entscheidenden Tag schickt er sein Tagebuch per Post an die Lehrerin und stellt sich der Polizei. Völlig überfordert von den tödlichen Schüssen sucht die Polizei, der Richter, sucht selbst die Verteidigerin des Jungen nach Antworten. Da es die nicht gibt, zumindest nicht auf den ersten oder zweiten Blick, gerät die Lehrerin in den Verdacht, den Jungen zu seiner Tat angestachelt zu haben. Der schwedische Autor Karl Ove Knausgård äußerte sich einmal über sein Schreiben: „Es ist das Gegenteil von gelebt, das Gegenteil von lebendig, es ist Nicht-Leben, das in seiner letzten Konsequenz lebensverneinend ist.“ Jener Frage, die inzwischen längst zur rhetorischen Floskel verkommen ist, schreiben oder leben, begegnet der Schüler Benjamin auf eine radikale Art: Er schreibt und tötet.

Die Lehrerin bricht, auch wenn sie vor Gericht aussagen muss, den Kontakt zu dem Jungen nicht ab. Sie besucht ihn im Gefängnis und er darf sie besuchen, wenn er Freigang hat. Nach seiner Entlassung verschafft sie ihm eine Wohnung. Ob sie keine Angst habe, dass er sie ermordet, fragt er sie bei seinem ersten Hafturlaub. Nein, sagt die Frau. Wieso nicht?, will der Junge wissen. Weil sie der einzige Mensch ist, den er noch hat. 

Der einstündige Film, der sich in seiner Erzählweise bemüht, keine Wertungen abzugeben und mit einer kühlen Sachlichkeit an den Ton von Ferdinand von Schirach erinnert, rückt den Schüler und die Lehrerin gleichermaßen in den Mittelpunkt des Geschehens. Dass das Tagebuch mal vom Richter, mal vom Psychologen, schließlich von der Lehrerin und dem Jungen gelesen wird, unterstreicht den dramaturgischen Versuch, im szenischen Lesen hinter die Worte des Schülers zu kommen. Das wirkt unentschieden und bei aller Heftigkeit, die in der Geschichte wohnt, halbherzig. Als hätte die Regisseurin Ursula Meier der emotionalen Verunsicherung misstraut, wenn sie dem Jungen den uneingeschränkten Mittelpunkt eingeräumt hätte, wie die Filmemacherin wohl bezweifelte, die Lehrerin ins Zentrum ihres Erzählens zu rücken. Zwar streitet die Lehrerin jede Mitschuld am Handeln des Schülers ab, doch in ihrem Tun entlastet sie eifrig das eigene Gewissen. So wäre ein Film interessant gewesen, der die Geschichte aus zwei Blickwinkeln erzählt: eine Dreiviertelstunde nur aus Sicht des Jungen, dann eine Dreiviertelstunde mit dem Blick der Lehrerin. Juli 2018

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ONLY LOVERS LEFT ALIVE
von Jim Jarmusch, 2013

Der Film handelt von Vampiren ohne dabei ein Vampirfilm im herkömmlichen Sinne zu sein. Wie Jarmuschs Western Dead Man auch kein Western im herkömmlichen Sinne ist.

Adam, Eve, Marlowe und Ave leben schon viele, sehr viele Jahre mit ihrem Geheimnis. Hin und wieder verlangt es ihre Natur, dass sie sich einen Fingerbreit Menschenblut genehmigen. Jeder hat eine seine Strategie entwickelt, wie er mit dem Mysterium und den sterblichen Menschen, den Zombies, umgeht. Erst die Lebensmüdigkeit von Adam bringt seine Ehefrau Eve dazu, das schwüle Tanger zu verlassen und ihren Gatten in Detroit aufzusuchen. Zur gleichen Zeit träumt das Paar von Eves jüngerer Schwester. Eines Abends liegt die wie selbstverständlich auf dem Sofa, um, kaum haben sie Adam und Eve sie entdeckt, die düstere Bude aufzumischen.

Jarmusch zeichnet seine die Nacht liebende Geschöpfe mit sanften Witz und leiser Melancholie. Wenn der dekadente Reigen ins Überdrehte zu kippen droht, findet er rasch die Bremse und lässt die Geschichte wieder erden. Die Kamera ist das Brennglas, das jede Falte und jede Hauswand neugierig untersucht ohne geschwätzig zu sein. Und die Klänge der vielen Saiteninstrumente vollenden jedes Bild, dass erst aus deren Zusammenspiel die schlüssige Musik entsteht.

So bizarr, ja morbid vielleicht manche Szenen sind, so köstlich ist es, den Schauspielern bei ihrer Arbeit zu folgen. Tilda Swinton als die entrückte, ewig schwebende und doch bodenständige Eve. Tom Hiddleston als trübsinniger Adam, der selbst in freudigen Momenten seiner Trauer treu bleibt. Mia Wasikowska als Ava, die mit ihrer unverfrorenen Lebendigkeit alle in Gefahr bringt. Und John Hurt, dem kränkelnden, bald siechenden Vampire namens Marlowe, der Krücken benötigt, da ihm die Jahrhunderte, die er mit sich schleppt, beim aufrechten Gang hindern.

Der Film Only Lovers Left Alive gleicht einem edlen Tropfen, der sämtliche Sinne bestens bedient und der mit seinem lang anhaltenden Abgang in bleibender Erinnerung bleibt.

Mai 2018

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SPHERE
von Barry Levinson, 1998

Eine bunt zusammengewürfelte Mannschaft von Wissenschaftlern wird zu einer Absturzstelle gerufen. Am Meeresgrund befindet sich ein Raumschiff, dass, wenn die Berechnungen stimmen, vor 288 Jahren verunglückt ist. In dem Raumschiff stößt die Crew auf eine riesige goldene Kugel. Während der weiteren Handlung stellt sich heraus, dass fast jedes Mitglied des Teams in der Kugel war. Was sie drinnen gesehen oder erlebt haben, behalten sie für sich. Es sind die Ereignisse an Bord der Basisstation, die schließlich eindeutige Rückschlüsse auf die Welt ihrer Gedanken zulassen. Was sich die Wissenschaftler vorstellen, tritt ein. Und weil sie Menschen sind, folgt schnell eine Katastrophe der nächsten.

Sphere ist ein zweistündiger Bilderreigen zum Thema Manipulation. Zur Grundlage des Streifens diente der Roman Sphere - Die Gedanken des Bösen von M. Crichton.

Der Film beinhaltet viel Action, zuhauf zwischenmenschliches Kleinklein und tolle Schauspieler. Dustin Hoffman gibt den analytisch versierten und von eigenen Ängsten gebeutelten Psychologen Dr. Norman Goodman. Samuel L. Jackson ist der undurchsichtige und gleichsam um die Ecke denkende Mathematiker Dr. Adams. Als die mit den großen wie mit den kleinen Lebenszweifeln bestens vertraute Biochemikerin Dr. Halperin ist Sharon Stone zu erleben. Labil und mit reichlich dunklem Gedankengut ausgestattet sind sie alle drei. Ob fern im All oder tief im Ozean, das Böse manifestiert sich dort, wo Menschen miteinander am Tisch sitzen.

Kunden, den der Film gefiel, sahen auch Solaris (nach S. Lem).   
März 2018

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THE IDES OF MARCH
Tage des Verrats
von George Clooney, 2011

Überzeugte Wahlmuffel sollten diesen Film meiden, bedient er doch nur ihr Vorurteil, sofern sie über ein solches verfügen. Die Politik ist schmutzig, Politiker sind Manipulatoren und selbst manipulierbar und Wahlen sind legitimierte Verschwendungsorgien von Steuergeldern.

Menschen, die ihrem demokratischen Recht nachgehen und jede anstehende Wahl annehmen, sollten diesen Film ebenfalls meiden. Dass er ihnen den hehren Glauben an die eigene Mündigkeit versalzt ist vorprogrammiert. „Wenn das so ist“, könnte der Demokratiefreund nach dem Film resignierend feststellen, „dann behalte ich lieber meine Stimme.“

Zugegeben, keine guten Aussichten für einen Film, dem gleichwohl viele Zuschauer zu wünschen sind. Die spannende, mitunter absehbare Handlung wird von einer Schar erstklassiger Schauspieler getragen. Die vielen und intensiven Dialoge sind sicher dem Theaterstück geschuldet, das dem Film zugrundeliegt.

Wenn die Gattung Polit-Thriller ein alter Hut ist, dann betreibt Tage des Verrats so etwas wie Erinnerungsarbeit. Der Film hievt einem mal wieder ins Bewusstsein, dass jede Macht ihren Preis hat. Und um diesen Preis wird eben nicht in den leidigen Talkshows oder während einer mitternächtlichen Debatte im Bundestag gerungen.

Es ist Wahlkampf. Zwei Politiker einer Partei bewerben sich in einem äußerst wichtigen Bundesstaat um den Posten des Präsidentschaftskandidaten. Chefstratege Meyers (Ryan Gosling), glühender Wahlkämpfer für den Bewerber und Gouverneur Morris (George Clooney), gerät ins Straucheln, als er ein schmeichelhaftes Abwerbungsgesuch von der Gegenseite erhält. Obschon Meyers der Versuchung widersteht, wirft ihn sein Mentor (Philip Seymour Hoffman) wegen mangelnder Loyalität aus dem Team. Meyers, zutiefst gekränkt, schwört Rache und heuert bei der Konkurrenz an, um das gerade erst ausgeschlagene Angebot nun doch anzunehmen. Dort aber entzaubert ihn der windige Lockvogel Duffy (Paul Giamatti). In der Hitze des Gefechts von Worten wird Meyers eiskalt abserviert.

Mögen diese Eckpunkte genügen, um gehörig Lust auf den Film zu entfachen – oder vor dem Streifen strengstens zu warnen. Dass mit der Abfuhr, die Meyers bei Duffy erfährt, der Film erst so richtig in Fahrt kommt, sei hier nur am Rande vermerkt.

August 2017

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CULPA - Niemand ist ohne Schuld
deutsche Serie auf 13th Street, Dt. 2017

Die Legende geht so: Als die Filmleute eine passende Kirche suchten, um die Serie zu drehen, fand man keine unter den katholischen Gotteshäusern. Schon war man dabei, die Suche abzubrechen, bis sie einen Tipp erreichten, sich doch mal die Berliner Zionskirche anzusehen. Und hier, in diesem evangelischen Haus, in dem einst Dietrich Bonhoeffer seine Predigten hielt, stellte man den Beichtstuhl hin. Denn der ist schließlich wichtiger Dreh- und Angelpunkt der deutschen Miniserie mit momentan vier Folgen.

Der namenlose Priester (gespielt von Stipe Erceg) ist zwar an das Beichtgeheimnis gebunden, die Möglichkeit, Sünden bzw. Verbrechen zu verhindern, kann er dennoch wahrnehmen. Das Kammerspiel lebt vom Spiel der Gesichter. Jedes Zucken der Augenbraue, jeder Augenaufschlag offenbart ein Seelenleben, das fern jeglicher Floskel ist. Beim Beichten pfeift der Mensch auf Distanz. Die Dialoge, stimmlich nicht immer auf akustischer Höhe, verleihen den Geschichten jene Glaubwürdigkeit, denen es Serien dieser Art gern mangelt.

Dass der Geistliche in einer äußerst kargen Kammer haust, welche er geduldig mit einer aufgeweckten Ameisenfamilie teilt, kann als ein löblicher Gegenentwurf zum lebenslustigen bzw. prunkfreudigen Diener der katholischen Kirche gewertet werden. Überzeugend ist die Show dieser franziskanischen Entsagung nicht.

Diese Serie ist ein intensives Kaleidoskop menschlicher Ab- und Beweggründe, wobei die Kardinalfrage nach Gut und Böse ohne Antwort bleibt, bleiben muss. Wie wird der Priester nicht müde zu versichern: „Wir sind alle Sünder.“

Juli 2017

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NICHT AUFLEGEN !
von Joel Schumacher, 2002

Wer schon immer etwas gegen das Telefon hatte, sollte sich den Film unbedingt ansehen. Aus Sicht ewiger Telefonskeptiker erhärtet der Streifen jedes noch so kleine Vorurteil. Telefonieren gefährdet die Gesundheit, führt zu Herzrhythmusstörungen und kann tödlich sein.

Doch im Ernst. Der Film liefert eine spannende Dreiecksgeschichte der besonderen Art. Da ist Stuart Shepard (Colin Farrell), der miese Medienschmutzfink, der obendrein ein mächtiger Schaumschläger ist. Da ist der Scharfschütze, der im Gewand eines Moralapostels zynisch über Tod und Leben entscheidet. Und da sind die vielen Außenstehenden, allen voran Oberbulle Captain Ramey, gespielt von Forest Whitaker.

Stuart wird in einer Telefonzelle von einem ihm unbekannten Anrufer schikaniert. Mehr noch, der Mann am anderen Ende der Leitung, hat ihm im Visier seines Zielfernrohrs und zwingt ihn, nicht aufzulegen. Schussbereit will der namenlos bleibende Anrufer, dass sich Stuart zu seinen schlechten Eigenschaften bekennt.

Kein geringerer als Kiefer Sutherland ist Stuarts grantiger Widerpart. Doch dessen Auftritt währt nicht mal eine Minute. Denn nur am Ende des Films schiebt er sich an den geretteten Stuart vorbei, der vollgepumpt mit Beruhigungsspritzen im Krankenwagen liegt. Hat Stuart die letzte Stunde schon nicht recht begriffen, verschwimmt ihm die Welt jetzt vollends hinter einem dicken Schleier. Auch wenn diese Szene das ungleiche Duell so kurz vor dem Abspann auf eine andere Ebene hebt, sprengt sie doch wohltuend, weil überraschend das scheinbar seichte Ende und gibt der möglichen fortführenden Handlung eine neue Richtung.

Dass NICHT AUFLEGEN! die Echtzeit der Handlung vorgibt zeigt, dass Fiktion etwas sehr Reales sein kann. Ein bleihaltiger Abgesang auf die altgediente Telefonzelle, jenes beengte Refugium aus vorsintflutartiger Zeit, ist der Film allemal.

Bereits 2002 sollte der Streifen erscheinen, die Premiere wurde um ein Jahr verschoben. In der Hauptstadt der USA wüteten wochenlang zwei Sniper.

 

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16 BLOCKS
von Richard Donner, 2006

Bruce Willis als gebeutelter, illusionsloser, also moderner Cop Jack Mosley. „Das Leben ist zu lang“, meint er an einer Stelle. Und: „Das Wetter ändert sich. Der Mensch ändert sich nie.“

Mosley hat einen farbigen Ganoven vom Polizei- ins Gerichtsgebäude zu bringen. Der Kleingauner wird von Mos Def gespielt, der eher als Musiker bekannt sein dürfte. Willis hätte wohl das Spiel des versoffenen Bullen verweigert, wenn auf dem kurzen Stück Weg, 16 Blocks eben, keine Verfolgungen und Schießereien geplant waren.

Hier und da blitzen Ideen auf, die gut und gern in einem der Endlosstreifen von Stirb langsam gepasst hätten. Und ähnlich wie in der erwähnten Filmreihe verliert sich bald die leise Ahnung, weshalb der Bulle das krachende Schlammassel auf sich nimmt. Es gilt den Zieleinlauf zu erreichen, koste es, was es wolle.

Dabei waren die Kosten für den Film hoch. Und hat weniger als die Hälfte vom Budget eingespielt. Deshalb wohl auch die häufige TV-Ausstrahlung. 

Bürstet Willis seinen  Mosley gegen den sonst üblichen adrenalingedopten John McClan, so bemüht sich Def um den heiteren Part. Doch dass allein ein Plappermaul als sicherer Humorgarant gilt, weiß man spätestens seit Eddie Murphy. Dennoch wartet 16 Blocks mit allerlei witzigen Wendungen auf, die, weil unlogisch, dem Ganzen den nötigen Unterhaltungswert verleihen. David Morse, bekannt aus Green Miles, spielt den korrupten, ewig Kaugummi kauenden Oberbullen Frank Nugent. Die subtilen Augen- und Wortgefechte, die er mit Mosley wechselt, entschleunigt das mitunter arg turbulente Treiben auf angenehme Weise.

Und dass bei dem Filmgeschehen nahezu die Echtzeit eingehalten wird, belebt den Streifen auf eine ganz andere Art.

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MOON
von Duncan Jones, 2009

Ein Doppelgänger wirft unweigerlich die Frage auf: Wie viele bin ich? Der Film Moon hält sich nicht lange mit dem Mysterium Doppelgänger auf, denn die Rechnung ist schlichter als erwartet: ich sind die anderen.

Sam Rockwell spielt Sam Bell, einen Astronauten, der für drei Jahre auf dem Mond seiner Arbeit nachgeht. Er bedient die Erde als Energielieferant, indem er Helium versendet. Einziger Gesprächspartner an Bord der Station von Bell ist Gerty, ein menschelnder Roboter. Im Original wird dieser von Kevin Spacey gespielt, eher gesprochen. Spacey gab Prot, den Typen vom fremden Stern im Film K-PAX. Bezüge auf die Filmgeschichte ziehen sich in Moon wie ein roter Faden durch den Film. Duncan Jones, der Regisseur steht dazu: „Ich wünsche mir, dass SF-Fans …., all die Zitate … entdecken, mit denen wir an vergangene SF-Filme erinnern wollen.“ 

Kurz vor Ablauf der Jahresfrist geht es Bell gesundheitlich immer schlechter. Zunächst leidet er an leichten Halluzinationen, doch dann gerät er in einen folgenschweren Unfall. Fortan leben zwei Sam Bells auf der Station.

Während des Films lohnt es, sich immer mal wieder die Augen zu reiben. Dass hier wirklich die ganze Zeit nur ein Schauspieler agiert, hinterlässt einen nachhaltigen Eindruck. Sind doch die beiden Bells so unterschiedlich, wie sie nur sein könnten. Der schwächelnde, labile Sam 1 und der aufbrausende, wagemutige Sam 2. Und dabei ist keiner der beiden der echte Sam. Sie sind geklonte, für drei Jahre animierte Sams, während das Original längst wieder auf der Erde lebt (und dort sich über die Energielieferungen freut - wie alle anderen Menschen).
Die Leistung von Sam Rockwell entschädigt manche Lücke in der Handlung. (Möglich, dass sich die Lücken bei einem wiederholten Sehen schließen.)

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BARTON FINK

von Joel und Ethan Coen, 1991

Was für ein Film! Es ist weniger die Figur des erfolgreichen Bühnenautors Fink, den es nach Hollywood verschlägt und der dort, wenig überraschend, einer Schreibblockade erliegt, es sind die zahlreichen doppelten Böden, die den Film so reizvoll machen: Das sentimentale Bild über dem Schreibtisch, dessen Motiv den Film als reale Szene beschließt; die zunächst harmlosen Mücken, bis ein tödlicher Stich das Leben von Fink auf den Kopf stellt; das Hotel, das zu schwitzen scheint und schließlich brennt. Nicht zu vergessen die zahlreichen, subtilen Anspielungen, der Film spielt 1941: So erschießt der zwielichtige Mundt auf dem brennenden Hotelgang einen Polizisten mit den Worten: Heil Hitler!

Aus dem Kreis der überschaubaren Figuren sticht vor allem John Goodman heraus. Der sich als Versicherungsvertreter gebende Charlie Meadows bewohnt neben Fink, gespielt von John Turturro, ein Hotelzimmer. Dass dieser kumpelhafte, verschwitze Vertreter nicht ganz koscher* ist, glaubt man als Zuschauer anfangs gleich zu wissen. Doch umso sicherer die anderen Personen, der berühmte Autor Mayhew, dem Fink über den Weg läuft, ist nicht das Genie, für wen ihn Fink schwärmerisch hält, sich als Schreckbilder entpuppen, entzieht man dem Versicherungsvertreter zunehmend all die ihm entgegen gebrachten anfänglichen Zweifel. Bis zwei Kriminalisten, die, so scheint es, einem drittklassigen Hollywoodschinken entsprungen sind, in der Hotellobby nach dem Serienmörder namens Carl Mundt, Mördermundt fragen. Erst da wird Fink und dem Zuschauer klar, dass der Versicherungsvertreter, der Seelenfrieden (!) verkauft, auch nicht das ist, für den ihn Fink und der Zuschauer hält.


Wenn sich auch zahlreiche Bilder und Bezüge sofort einprägen, ist es ein Film, den man getrost ein weiteres Mal anschauen kann und sollte, um noch mehr zu entdecken.

* Mehr als einmal wird diskriminierend auf den jüdischen Ursprung des Namens Fink hingewiesen.

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SHUTTER ISLAND
von Martin Scorsese, 2010

Mit Verwirrspielen ist das so eine Sache. Wenn man meint, den roten Faden gefunden zu haben, steht man längst schon wieder mit leeren Händen da.

Martin Scorsese hat mit seinem Film Shutter Island ein solch verwirrendes Spiel der tausend Wege erschaffen. Der US-Marshall Edward Teddy Daniels soll mit einem Gefolgsmann eine entflohene Kindermörderin finden. Und dies auf einer Gefängnisinsel, die so lauschig ist wie das Wetter mit seinem Sturm und Dauerregen. Doch Daniels findet sich zunehmend mit der eigenen Person konfrontiert. Blutige Tag- und Nachtträume überfallen ihn und nehmen mit ihrer halluzinativen Wucht von seinem Denken in Besitz. Er sieht Gespenster und glaubt einer Verschwörung auf der Fährte zu sein. Schließlich stellt sich für ihn wie für den Zuschauer heraus, dass (natürlich) alles ganz anders ist.

Scorsese liefert, dank der Kamera von R. Richardson (Inglourious Basterds), stimmungsvolle Bilder. Die Hauptfarben wechseln unaufgeregt zwischen grau, weiß und schwarz. Die Naturgewalt auf der Insel und die Musik agieren als zwei unabhängige Figuren der Handlung. Leider stoppt Scorsese diese immer wieder, als traue er sich selbst und seinem Erzählen nicht über den Weg. So geraten etwa die gewaltigen Alpträume von Daniels zu simplen Erklärungen. Auf Dauer wirkt das ermüdend, schlimmer noch, es langweilt. Dann lieber einen einfältigen Lückentext, da kann man sich wenigstens am Ende der eigenen Inkompetenz bezichtigen.

Leonardo DiCaprio bemüht sich den US-Marshall leidenschaftlich zu spielen. Und genau dies ist sein Problem: DiCaprio spielt einen US-Marshall. Irgendwie nimmt man ihm einen seelenkranken Beamten mit Vergangenheit nicht ab. Überhaupt: Wenn er den lebenskundigen, erfahrenen Boss herausstellt, wird er gänzlich lächerlich. Dagegen kommen Ben Kingsley als Chefarzt Dr. Crawley und Mark Ruffalo als Chuck Aule glaubwürdig und integer rüber. Selbst ein Max von Sydow kann mit seiner diabolischen Rolle als Dr. Naehring punkten. Ihnen allen ist nicht jene Angestrengtheit anzumerken, unter der DiCaprios Figur leidet.

 

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NIGHT ON EARTH
von Jim Jarmusch, 1991

Der Film schildert das Zusammentreffen von Taxifahrern und ihren Gästen. Und das in Los Angeles, New York, Rom, Paris und Helsinki.

  
Episodenfilme besitzen den Vorteil, dass man leicht den Überblick behält. In je fünfundzwanzig Minuten lassen sich, zumal wenn es sich um Taxigeschichten handelt, klar umrissene Welten zeigen. Die agierenden Personen sind zahlenmäßig locker an einer Hand abzumachen.

Der Nachteil am Episodenfilm ist der fehlende Höhepunkt und die damit verbundene niedrige Spannungskurve. Für Jarmusch sicher kein Problem, zielt er ohnehin nicht vordergründig auf die beiden Eckpfeiler des Kinofilms. Ein weiterer Nachteil ist, dass der Episodenfilm in seine durch die für sich abgesteckten Felder zerfällt. Dennoch bleiben Momente, die in Night on Earth jede Episode zum stillen, unspektakulären Spektakel werden lässt.

Da ist der aus Afrika stammende Taxifahrer, der seinen blinden Gast mit dem Andersein nervt. Da ist der Fahrer, der ein paar betrunkene Jammerlappen mit seiner jämmerlichen Geschichte zum Heulen bringt. Da ist der aus Ostdeutschland stammende Fahrer, der sich weder in der Stadt New York noch mit dem Auto auskennt. Da ist der Fahrer, der in Rom einen Geistlichen sprichwörtlich zu Tode schwatzt. Und da ist die Fahrerin, die es in der Filmstadt Los Angeles ablehnt ein Filmstar zu werden. Immer sind es, anders als gewöhnlich, die Fahrer, die den Gästen was zu erzählen haben, die dem Unbekannten auf der Rückbank etwas beichten müssen. Dass als letzte Episode jene in Helsinki spielende steht, ist sicher mit Bedacht gewählt. Erinnern die Episoden doch mit ihrem unwiderstehlichen Charme des Beiläufigen, Lakonischen sehr an die Filme des Finnen Kaurusmäki.

Ein wichtiges Element für Jarmuschs filmisches Erzählen ist unbestreitbar die Musik. Dead Man oder Ghost Dog sind ohne die weichen wie kratzigen Klangteppiche unvorstellbar. In Night on Earth stammt die Musik von Tom Waits. 

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ZWÖLF WINTER
von Thomas Stiller, 2009

Dieser Fernsehfilm mit Axel Prahl und Jürgen Vogel ist einer der wenigen Streifen, bei dem ich mich wiederholt verwundert die Augen gerieben und gefragte habe: Kann das sein? So geradlinig und stimmig, so menschlich und gleichsam spannend habe ich selten einen deutschen Fernsehfilm erlebt. Die (wahre) Geschichte zweier Knastbrüder, die nur im Winter diverse, vor allem abgelegene Banken überfallen, besticht durch ihren Witz und durch ihren unhörbaren Ruf: Keine Gewalt.

Manche Romantik (Szenen im Knast) und Überzeichnungen der Figuren (Thermoskanne beim Erkunden neuer ‚Märkte’) lassen sich leicht tolerieren, kommt doch das große Ganze ungemein schlüssig rüber. Die ganze Zeit findet sich der Zuschauer auf der Seite der Räuber und schämt sich nicht mal dabei. Die Polizisten dagegen kann man nur (wie im richtigen Leben) bemitleiden, wenn man nicht gerade über sie (zugegeben verhalten) lacht.

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GHOST DOG
von Jim Jarmusch, 1999

Filme, die sich der Thematik Mafia und Killer annehmen, laufen unweigerlich Gefahr, altbekanntes auf unansehnliche Weise zu wiederholen. Zu oft und episch sind beide Thematiken im Film behandelt wurden, sind sie doch wie geschaffen für jene bebilderten Träume, die man von der Leinwand erwartet.

Wenn sich Jim Jarmusch, wie 1999 geschehen, dieser Thematik annimmt, so erwartet man keinen Knall-Bumm-Bumm-Film. Jarmusch spielt mit den verbliebenen Erwartungen des Zuschauers und überrascht dabei immer wieder. Seine Mafia-Typen wirken so komisch und strotzen vor Klischees, dass sie wahrscheinlich noch am ehesten an den realen Typen herankommen. Jarmusch brilliert mit einer selten gewordenen Komik. Er überzeichnet die Figuren und macht sich dennoch eher über unsere Sehgewohnheiten lustig als über seine Protagonisten.

Jarmusch überlässt nichts den Zufall. Auch Ghost Dog ist ein Film, bei dem man durch wiederholtes Sehen immer wieder Neues entdeckt. Trickfilme werden von den Erwachsenen gesehen, das Kind im Film dagegen liest. Der schweigsame Hund, der den Killer ansieht. Die Kommunikation zwischen den französisch sprechenden Eisverkäufer aus Haiti und dem Killer, der kein französisch spricht. Überhaupt die Einwanderer: Die italienisch stämmigen Mafia-Leute, der Eisverkäufer, der Indianer (aus Dead Man) auf dem Dach eines Hauses. Schließlich Ghost Dog selbst, alles Fremde in einer Zeit, in einem Land.

Natürlich knüpft der Film an Der eiskalte Engel und an manch andere Filmgrößen an. Natürlich kommt der Film durch seine Texteinblendungen des Hagakure, welche die nächsten Szenen bebildern, bedeutungsschwer daher. Natürlich sind manche Dialoge (in der deutschen Synchronisation?) hölzern und wenig poetisch. Und natürlich weist das ganze Samurai-Gehabe doch erstaunliche faschistoide Züge auf. (Geht es Jarmusch nicht um die hohle Ich-Phrase, wenn diese Silbe einer Ideologie anheim fällt, so tierfreundlich und belesen sie sein mag?!) Gerade deshalb bietet der Film mit Forest Whitaker in der Titelrolle, ebenso daherschwebend wie die Texte, gute Unterhaltung. Unnachahmlich der schwankende Gang von Whitaker sowie sein verlorener Blick.

Gute Unterhaltung setzt auf Bewährtes und erlaubt sich hier und da Brüche. An manchen Stellen werden fragwürdige Zeichen gesetzt, die erst an anderer Stelle aufgedröselt werden. Gute Unterhaltung ist nicht diktatorisch, sie lässt eigenes Denken zu.