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Volkmar Wirth (ehemals Wirth-Kresse)








VERRÄTER WIE WIR
Film von Susanna White, 2016

Der Literaturdozent Perry MacKendrick verbringt mit seiner Frau einige Tage in Marrakesch. Schnell wird klar, dass es dem Paar bei ihrer Reise weniger darum geht, die Schönheit der Gegend kennenzulernen, vielmehr wollen sie ihre Ehe retten. An einem der letzten Urlaubsabende lernt MacKendrick den feierwütigen Dima kennen. Alsbald schenkt der Mann, der die großen Gesten liebt, gegenüber seinem neuen Trinkfreund klaren Wein ein. Dima ist für die russische Mafia als Geldwäscher tätig. Und weil er einmal dabei ist mit offenen Karten zu spielen, bittet er MacKendrick zu einer kleinen Gefälligkeit.

Ewan McGregor gibt den Literaturdozenten als einen sanften, anfangs arg naiven Typ, der einzig beim rabiaten Umgang seiner neuen Freunde mit Frauen die Kontenance verliert. Mit seinem dem Film Ghostwriter entlehnten leicht verhuschten Gesichtsausdruck, registriert er fasziniert seine eigenen Handlungen, deren Auswirkungen ihn dennoch erschrecken und sprachlos zurück lassen.

Dima, sein robuster und raubeiniger Gegenpart, wird von Stellan Skarsgård gespielt. Auch wenn er den russischen Mafiosi mit all den bekannten Klischees gibt, macht es Freude, ihm beim Zelebrieren der wodkaseligen Haudraufmentalität zuzusehen. Dieser Dima ist derb bis brutal, wenn es um seine Interessen und den Erhalt seiner Macht geht, sentimental bis wehleidig, wenn die Ehefrau und die Kinder ins Zentrum des Geschehens rücken. 

Wohltuend entgeht die Regisseurin von Verräter wie wir der Verlockung, die teilweisen Hänger und Längen mit überambitionierten Actionszenen aufzuhübschen. Und dennoch ist es kein Film, den man im nachmittäglichen Familienprogramm finden wird. Die Gewalt wird gezeigt (nicht zelebriert) und Dima‘s Sprache mag für einen Schöngeist abstoßend und gleichsam reizvoll sein, für Kinderohren ist sie definitiv weniger gedacht.
August 2021


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DER NOVEMBERMANN
von Roger Donaldson, 2014

Agent Peter Deveraux hat sich in der Schweiz zur Ruhe gesetzt. Sein ehemaliger Vorgesetzter von der CIA bricht in die Idylle ein und aktiviert den Agenten, damit dieser eine letzte Mission übernimmt.

Natürlich gerät dieser Job völlig aus dem Ruder und Deveraux muss wohl oder übel mal eben die Welt retten. 

Was zunächst sehr nach der hundertsten Auflage von ‚Stirb langsam‘ mit dem nimmer toten John McClain aussieht, entpuppt sich rasch zu einer bebilderten Knallorgie. Wird bei den ersten beiden Streifen ‚Stirb langsam‘ die testosteronhaltige Luft hin und wieder mit ironischen Sprüchen abgekühlt, kommen vom Novembermann blumige Weisheiten aus dem Poesiealbum.

Spätestens ab Szene drei oder vier verabschiedet sich das Filmteam um R. Donaldson von jeder Logik. Da macht es auch nichts, dass die Orte des Geschehens im Sekundentakt wechseln – schneller als der Agent sich ein frisches Hemd greift.

Dass der Film etwas um Verführbarkeit und Manipulation, um Befehlsgewalt und Gehorsam erzählen will, geht indes in dem permanenten Kugelhagel unter. 

Denn der Novembermann ballert in einer Minute bis an die Zähne bewaffnete Spezialtruppen weg, wobei er maximal mit einem Kratzer aus dem blutigen Gemetzel hüpft. Von den Haaren ganz zu schweigen: die überstehen jeden Trubel, nicht ein grauer Staubpartikel krönt die faustdicke Pomade.

Pierce Brosnan, der den Agenten spielt, der widerwillig und umso treffsicherer in den Schlammassel gerät, wuppt den Film auch nicht um ein paar Niveaupunkte.
Februar 2021

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DAS VERHÖR IN DER NACHT
Fernsehfilm nach dem Theaterstück von D. Kehlmann, Regie M. Geschonneck 2020

Statt des erwünschten Taxi wird die Professorin vor dem Hotel von einem Herrn vom Staatsschutz zum Gespräch gebeten. Man habe Indizien, so der Staatsschützer, dass die Frau einen Anschlag plant. Oder hat ihr geschiedener Mann die Bombe versteckt? Sie, die Frau, brauche es bloß zu sagen. Und sie könnte den Weihnachtsabend, wie jedes Jahr, bei ihren Eltern verbringen.

Aber das wäre zu einfach. Also zieht sich das ungleiche Paar zur Klärung des Sachverhalts ins Hotelzimmer zurück. Der Mann vom Staat stellt Fragen, die Inhaberin eines Lehrstuhls blockt ab. Erst als die Fragen dringlicher werden und der Staatsschutzmann seine unverbindliche Freundlichkeit ablegt, bietet die Intelektuelle kühl Paroli und setzt zum Kurzreferat an. Dabei nimmt die Kamera das Zimmer mit immer neuen Einstellungen ins Visier. Dies vermittelt den Eindruck, dass sich die Wände allmählich nach innen verschieben. Die Luft wird dünner. Das Denken fällt schwer. Allein die Gespenster, die in den Schatten ruhen, werden mit jedem Schnitt realer.

Sophie von Kessel spielt die ständig überraschte, schließlich kalkulierende Frau. Nach ca. sechzig Minuten zieht sie ihren Mantel aus. Ist die Frau von der Fragerei genervt? Oder schwitzt sie vor Aufregung? Man erfährt es nicht. So oder so: Diese Handlung bleibt der einzige Gefühlsausbruch der Frau.

Charly Hübner gibt den teils spitzbübisch-jungenhaften, teils abgeklärt-allwissenden Beamten, der mittels Fragenkatalog Das Verhör in der Nacht führt. Doch nicht genug, dass er es zunehmend mit einer Beschuldigten zu tun hat, die eine Nummer zu groß für ihn ist, hat er auch noch mit seinem Jackett zu kämpfen, das mindestens um eine Konfektionsgröße zu klein ausfällt.
Dezember 2020

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BESONDERE SCHWERE DER SCHULD
von Kaspar Heidelbach, 2014

Nach einer mehrjährigen Haft kehrt Joseph Komalschek in seine alte Heimat zurück. Die Bewohner der Kleinstadt lassen dem Heimkehrer ihren Argwohn, ja ihren Hass deutlich spüren. Denn nur ein Verfahrensfehler hat Komalschek vor der Sicherungsverwahrung bewahrt. Dass die Bewohner aber derart aus ihrem gepflegten Häuschen sind und wie wild im Vorgarten turnen, beruht auf ihre Verwicklung in die damalige Aburteilung des Gewohnheitsverbrechers. Mit Komalschek kommt eine offene Rechnung in den Ort. Dabei hatte man die blöde Quittung all die Jahre elegant verdrängt, bis irgendwann das Vergessen einsetzte. 

Götz George, der mit seinem raubeinigen Horst Schimanski jahrelang eine feste Größe für Millionen Fernsehzuschauer war, gibt in Besondere Schwere der Schuld den stillen und passiven, den duldenden und leidenden Ganoven. Alles Zwielichtige und Doppelbödige außerhalb der Gefängnismauer sind ihm fremd. Und doch weiß er sich mit einer gewissen Bauernschläue zu arrangieren. Trotz beständiger Bewachung gelingt es ihm, seine Aufpasser mühelos zu manipulieren oder abzuschütteln. Und wenn er auch in seinem Leben viel Mist gebaut hat, die letzten Jahre saß er dennoch unschuldig hinter Gittern. Als der Ermittler Komalschek fragt: „Haben Sie das Kind umgebracht?“, antwortet der entrüstet: „Ich bin Bankräuber!“

Ob ein Schauspieler bei dieser Rolle etwas falsch machen kann, sei dahingestellt. Trotzdem hat es die Starbesetzung um Hannelore Elsner, Manfred Zapatka und Thomas Thieme schwer, Götz George Paroli zu bieten – auch deshalb, weil ihre Figuren der ‚Unschuldigen mit den schmutzigen Händen‘ zu platt und durchsichtig sind.
November 2020

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EX MACHINA
von Alex Garland, 2015

Der Jungprogrammierer Caleb gewinnt ein Treffen mit dem bewunderten Held der Internetbranche, Nathan. Allein die Begrüßung des sonderbaren Gurus verspricht ohne Umschweife, dass der Aufenthalt für den jungen Freak mehr als eine geballte Lehrstunde im Grünen sein wird.

Wie in der kürzlich ausgestrahlten Miniserie Devs lebt der Film Ex Machina von einer latenten Bedrohung. Denn Garland, ebenso verantwortlich für Devs, schafft Räume, aus denen der Handelnde als ein anderer herauskommt. Hinter den Wänden, die wie poliert glänzen und einen ziemlich unterkühlten Eindruck vermitteln, brodelt es. Das Panzerglas mag schützen und den Voyeur wie den Exhibitionist gleichermaßen befriedigen, im Spiegelbild aber verrutscht jedes Lächeln zur Fratze. Und der immer wieder auftretende Stromausfall in der versteckten Einsiedel ist dabei nur die kleinere Katastrophe.

Domhall Gleeson spielt den staunenden und analysierenden, schließlich schwer verliebten Caleb. Wie er das künstliche Wesen Ava an sich zu binden versucht und nicht bemerkt, dass er ausgenutzt wird, ist spannend zu verfolgen. Das sparsame Spiel von A. Vikander als Ava vermittelt eine Sanftmut, die schleichend in Raffinesse übergeht. Als Darstellerin spielt Vikander ein programmiertes Wesen, das sich durch die Übernahme menschlicher Eigenschaften zu befreien weiß. Mehr Verwandlung geht nicht.
Oscar Isaac gibt den Nathan, bei dem Genialität und vulgäres Gehabe hauchfein beieinander liegen. Mit der Bierflasche in der Hand zündelt der tüftelnde Misanthrop am Universum und lässt erleichtert einen ‚fahren‘. 
Oktober 2020

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FAHRENHEIT 11/9
von Michael Moore, 2018

Das Thema des abendfüllenden Dokumentarfilms ist die Präsidentschaftswahl von 2016. Allein die ersten Minuten (bis zur Einblendung des Filmtitels) haben es in sich: Der Bilderreigen von D. Trump mit seiner Tochter Ivanka ist ein veritabler Aufwärtshaken, der einem für einen Moment den Atem raubt.

Natürlich hält Moore in dem Film mit seiner Meinung nicht hinter dem Berg. Moore spitzt zu und übertreibt, Feingefühl gehört nicht unbedingt zu seinem Besteck. Warum auch. Wie das Objekt seiner Beobachtung zu seinen Lügen und Gehässigkeiten steht, bedient sich Moore unverblümt jener Kraft, die jedem Wahlkampf innewohnt: die der Propaganda. 

In einem hektischen Bild-und-Wort-Stakkato drischt Moore auf das amerikanische Wahlsystem, wie er die medial angeheizte Suche der beiden Parteien nach geeigneten Kandidaten brandmarkt. Und wenn der Zuschauer es bis dahin noch immer nicht verstanden hat, hilft der Kommentar freundlich auf die Sprünge und stellt süffisant fest: „Das ist keine Demokratie!“

Allen, die sich der Riege der Wahlmuffel zugehörig fühlen, sollten den Film besser meiden. Den anderen sei gesagt: Vortrefflich taugt der Film als Blaupause für die in diesem Jahr anstehende Entscheidung zwischen dem Amtsinhaber und seinem Herausforderer.
August 2020

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THREE BILLBOARDS OUTSIDE EBBING, MISSOURI
von Martin McDonagh, 2017

Da die Polizei untätig bleibt und den Mörder ihrer Tochter nicht aufspürt, nimmt die Mutter das Heft selbst in die Hand. Dass sie dabei mehr als einmal weit über das Ziel hinausschlägt, macht einen Großteil des Films aus.
So lässt Mildred, die Mutter, drei große Plakatwände anbringen, die den im Ort und bei den Kollegen beliebten Sheriff persönlich angreifen.
Gegenspieler von Mildreds Kampf gegen die behördliche Lethargie wird daraufhin nicht etwa der angesprochene Sheriff. Im Gegenteil. Jason Dixon, ein gewalttätiger, bei der Mutter wohnender Polizist, legt Mildred alle erdenklichen Steine in den Weg. Bis er, wenn auch ungewollt, ins Fadenkreuz der rächenden Mutter gerät.

Die Tragikomödie ist mal überzogen und derb, dann wieder rührend ohne in Peinlichkeit zu rutschen. In allen Szenen stimmen einfach Timing und Wortwitz.

Frances McDormand spielt die verbitterte, gleichsam dünnhäutige Mildred. Wie sie leidet und rebelliert, Hoffnung schöpft und mit einem Reh Zwiesprache hält – der Oscar war nur gerechtfertigt. Sam Rockwell gibt den zunächst äußerst einfältigen und verhaltensauffälligen Dixon. Umstände, die an dieser Stelle nicht verraten werden sollen, bringen ihn schließlich auf eine überraschend andere Spur. Auch für diese Rolle gab es einen Oscar.

Dass der Film seine Erstausstrahlung im deutschen Fernsehen erlebte, als in den USA tausende Menschen gegen Polizeiwillkür auf die Straße gehen und in Deutschland das Handeln der Freunde und Helfer aus verschiedenen Gründen kritisiert werden, mag Zufall sein. In diesem Kontext treten die im Film agierenden Polizisten doppelt schräg und als eine massive Bedrohung für den gesellschaftlichen Frieden auf.
August 2020

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ARRIVAL
Sci-Fi von Denis Villeneuve, 2016

Es gibt Science-Fiction Filme, die an dem zu dicken Pinselstrich leiden. Es gibt die Filme, die auf der unteren Ebene bestens unterhalten, obschon sie stets die gleiche Geschichte erzählen. Und es gibt die, die spannend sind und nebenbei existenzielle Fragen stellen.
Arrival
gehört zu der zuletzt genannten Gattung.
Dr. Louise Banks, eine Linguistin, wird vom Militär angeheuert, um die Sprache der Außerirdischen zu entschlüsseln. Indem dies Banks zunehmend immer besser gelingt, kommt sie ihren eigenen und ‚vorgreifenden‘ Flashbacks auf die Schliche.
Amy Adams spielt glaubhaft jene Wissenschaftlerin, die für ihre Sache derart ‚brennt‘, dass es ihr beinahe das Leben kostet.

Wer die ungemein aufdringliche Musik, die den zuweilen reichlich düsteren Bildern unterlegt sind, ab und an ausblenden kann, erlebt einen fesselnden und zuweilen sehr berührenden Film.
Juli 2020

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RABBI WOLFF
Dokumentarfilm von Britta Wauer, 2016

Mehrere Monate begleitete die Filmemacherin ihren Protagonisten, der bis zu seinem fünfzigsten Geburtstag als Journalist arbeitete. Zur Drehzeit des Films war W. Wolff als Rabbiner noch für einige ostdeutsche Gemeinden zuständig. Da Wolff aber auf der britischen Insel lebt, war der Mann somit ständig unterwegs, ob mit dem eigenen Auto oder mit dem Taxi, mit dem Flugzeug oder mit der Bahn. Doch nicht einmal erlebt man Wolff, dass ihn diese Touren anstrengen. Im Gegenteil, er weiß die Zeit zu nutzen und widmet sich den Zeitungen.

Der Film lebt von dem schalkhaften Witz, der charmanten Liebeswürdigkeit und der unaufdringlichen Höflichkeit des älteren Herrn. Wie ein Kind gelingt es ihm, wieder und wieder zu staunen, sich zu freuen und zu lachen, vor allem zu lachen. Als hätten ihn all seine Erfahrungen gelehrt, das Leben mit einem Lachen zu würdigen. Dem 1927 geborenen Mann bei seiner Arbeit oder auch nur beim Kaffeemachen über die schmalen Schultern zu schauen, lässt den Zuschauer wiederrum über derart viel Lebensfreude und Optimismus staunen. Überhaupt ist der Film ein wahrer Stimmungsaufheller, lernt man doch einen Gentleman kennen, den man einfach mögen muss. Der Mann ist nicht nur immer gut drauf, er lässt an seiner Lust, die er an jedem Augenblick hat, andere großzügig teilhaben.

Dass das Porträt auch Dinge anspricht, die zumindest nachdenklich stimmen, spricht für die Qualität des abendfüllenden Streifens. Die Ehe- und Kinderlosigkeit werden von W. Wolff selbst angesprochen, da diese Lebensform für einen Rabbiner eher ungewöhnlich ist. Schließlich muss sich W. Wolff zum Verlust seines Rabbinats äußern, weil sich der Vorstand seiner Gemeinde für einen jüngeren Geistlichen entschieden hat. Doch wenig später steigt Wolff Arm in Arm mit einer Bekannten ins Tote Meer und genießt das ihn tragende Wasser. Und mit den Worten: „Herrlich! Herrlich!“ huldigt erneut er dem Leben.
Juli 2020
PS: W. Wolff starb am 08. Juli 2020 in London.

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PATERSON
von Jim Jarmusch, 2016

Was Jarmuschs Filme so sehenswert machen, sind die scheinbaren Beiläufigkeiten und die perfekt kalkulierten Zufälle, wie seine Protagonisten zu sich oder zueinander finden.
Mal verfolgt Jarmusch die Taxifahrten in fünf verschiedenen Städten (Night on Earth), ein andermal begleitet er zwei Vampire (Only Lovers Left Alive), um sich in einem anderen Streifen dem Wilden Westen anzunähern (Dead Man).
 

Paterson heißt der junge Busfahrer, der das Schweigen liebt und in seiner freien Zeit Gedichte schreibt. Daheim erwarten ihn seine ungemein lebendige Freundin und Marvin, der Hund, der sein Herrchen abends in schrecklicher Regelmäßigkeit ums Viertel scheucht.

Jarmusch verfolgt seinen Paterson, wie der seine wenig abwechslungsreiche Arbeitstage erlebt. Und weil sich die Ereignisse zwischen Küchentisch und Fahrerkabine in Grenzen halten und die liebevoll bebilderte Monotonie droht zu langweilen, kommt das Happy End dann doch noch überraschend um die Ecke.
Juni 2020

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DIE DUNKELSTE STUNDE
von John Wright, 2017

Im Mittelpunkt des Films stehen der britische Premierminister und seine Haltung zum Zweiten Weltkrieg. Heute längst vergessen sind die Rufe der Partei’freunde‘ von W. Churchill, die selbst dann noch auf Friedensverhandlungen mit Hitler drängten, als der schon seine Krallen an der Insel wetzte.

In der peniblen Nachzeichnung eines Cholerikers, bei den minutenlangen Nahaufnahmen seiner mal bebenden, mal tänzelnden Lippen und bei der losen Aneinanderreihung seiner Absonderlichkeiten und allzu menschlicher Macken sah ich ständig, obschon Gary Oldman perfekt als W. Churchill, Bruno Ganz, wie er als greinender A. Hitler durch den düsteren Bunker robbt und nah dem Herzkasper seine steif-devote Offiziersriege kräftig speichelnd zur Sau macht. 

Der Film Die dunkelste Stunde hat mit dem Streifen Der Untergang* erstaunlich viele Gemeinsamkeiten, die zumindest seltsam anmuten, beleuchten doch die Geschichten zwei entgegengesetzte Pole. 

*) von O. Hirschbiegel, 2004
Juni 2020

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MONEY MONSTER
von Jodie Foster, 2016

Es gibt eine ganze Reihe von Filmen, die in Aufnahme- bzw. Fernsehstudios spielen. So wird der geneigte Zuschauer gleich Zeuge zweier Geschichten. Erzählung eins, die im Studio produziert wird bzw. produziert werden soll. Und Erzählung zwei, die eher ungewollt und erzwungenermaßen von den Kameras gefilmt wird. Meist hat sich in diesem Fall ein böser Bube eingeschmuggelt, der – häufig bewaffnet – für sich ein paar Sendeminuten einfordert.

So geschehen in Money Monster*, einer skurrilen Show, in der Lee Gates neben diversen Hüftschwüngen und flotten Sprüchen für vergoldete Aktien und andere todsichere Geldanlagen trommelt. Und weil die eine oder andere Empfehlung alles andere als sicher ist, gesellt sich Kyle Budwell in das Studio. Budwell hat das Erbe seiner Mutter durch einen unlauteren Handel verloren und fordert nun Rechenschaft von Gates. Im Hintergrund des turbulenten Geschehens wird die Regisseurin zwischen Kameras, Scheinwerfer und Monitore nicht müde, ihrem Showmaster über den Knopf im Ohr anzuweisen, wie er dem ungebetenen Gast begegnen soll.

Auch wenn der Film wenig überraschend verläuft, da die beiden Kampfhähne nicht wirklich eine Entwicklung erleben, fesselt das Tempo. Manchmal ist der Bildfolge und den Dialogen kaum zu folgen, wobei der Streifen in Echtzeit spielt.

George Clooney gibt den selbstverliebten Macher, der aus dem Konzept gerissen wird und mit einer Sprengladung am Körper über sich selbst hinaus wächst. Jack O’Connell wütet als Studiostürmer, der zu kurz gekommen ist und obendrein zu kurz springt. Und Julia Roberts überzeugt in der Rolle der kühl agierenden Redakteurin, die aus ihrem Regiestuhl versucht, den Überblick und die jedem Drehbuch widersprechenden Fäden in den Händen zu behalten. 

*) Dass der Film gleichzeitig den Titel der TV-Show trägt mag als ein sinniger Hinweis für die Doppelung der Geschichte gelten.
Mai 2020

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FROST/NIXON
von Ron Howard, 2008

Nachdem 1974 der 37. Präsident der USA seinen Hut nehmen musste, dauerte es drei Jahre bis ein britischer Talkmaster dem Mister Präsident ein längeres Interview abtrotzen konnte. Nixon, der dafür bekannt war, sein Gegenüber mit belanglosen Anekdoten zu ermüden, unterschätzte wohl den quirligen, anfangs unsicheren Robert Frost. Anders ist es nicht zu erklären, weshalb der Staatsmann a. D., der über Watergate stolperte, der Befragung, wenn auch unter Auflagen, einwilligte.

Der Film von R. Howard basiert zum großen Teil auf das historische Treffen der beiden Männer. Ebenso widmet sich der zweistündige Streifen der leidigen Finanzierungsfrage, die bis zur Aufnahme der Gespräche für Frost ungeklärt waren. Und es werden die Zweifel von Frosts Kollegen ob der Herausforderung thematisiert. 

Das Rededuell der ungleichen Männer in Frost/Nixon überzeugt durch Schnitttechnik und Kamerafahrten und beweist, dass ein gutes Interview immer einem Boxkampf gleicht. Zunächst gibt es ein Beschnuppern, ein Abtasten der Kontrahenten. Dann gibt es den, der die Themen setzt und den Rhythmus bestimmt. Und es gibt den, der reagiert, abwartet. Und es gibt den Angriff und die Verteidigung, den Konter und den Taumel. Bedrohliche Atemnot ist nicht nur auf diverse Tiefschläge zurückzuführen. Wie taktisches Verhalten maßlos überschätzt wird, hat das Ganze ohne Taktik keinen Wert. Und wenn es denn gar nicht mehr geht, flattert aus einer Ecke das Handtuch – und das Gespräch wird abgebrochen.

Michael Sheen spielt den lebensfrohen und mit seiner Aufgabe wachsenden Robert Frost. Frank Langella gibt den Charmeur und Saubermann mit den schmutzigen Händen Richard Nixon. (Die deutsche Synchronstimme von Langella stammt von dem kürzlich verstorbenen Otto Mellies.) 
Mai 2020

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REMEMBER
von Atom Egoyan, 2015

Der hochbetagte Zuv Guttman entfernt sich aus dem Heim, um einen gewissen Rudy Kurlander zu finden. Angeleitet wird Guttman, der aufgrund seiner Demenz oft orientierungslos ist, durch seinen Zimmernachbarn Max Rosenbaum. Die beiden alten Männer eint, dass sie ihre Familienmitglieder durch Kurlander in Auschwitz verloren haben. Dort wütete dieser mit seinem richtigen Namen Otto Wallisch für die SS.

Während Guttman durch halb Amerika und von einem Kurlander/Wallisch zum nächsten tourt, macht sich Guttmans Sohn auf, seinen Vater zu finden. 

Christopher Plummer gibt den teils verwirrten, dann wieder um seine Mission beharrlich kämpfenden und dabei stets verloren wirkenden Guttman mit äußerst minimalem Spiel. Glaubhaft und unaufgeregt vermittelt Plummer die Last der Verzweiflung und Hilflosigkeit, die seine Figur zunehmend erdrückt. Und ohne dass der Film das bewährte Mittel der Rückblende bedient, erkennt der Zuschauer ‚hinter‘ einer Dusche oder einer Reihe von Güterwagen jene Bilder, die Guttman sieht.

Dass es am Ende des Films zum sprichwörtlichen Knall kommt, der ganz anders als erwartet ausfällt, lässt manche Länge und manches Klischee der vorangegangen Minuten vergessen.
April 2020

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SPINNING MAN
Das Dunkel deiner Seele
Film von 2018, USA


Es sei dahin gestellt, weshalb der Film auf DVD mit dem Titel Das Dunkel deiner Seele beworben wird und im Fernsehen mit der Überschrift Mörderische Zweifel zu finden ist.

Egal mit welchem Titel der Film ins Rennen geht, die Handlung bleibt gleich. Der Philosophieprofessor Evan Birch erscheint im Polizeirevier und verlangt Detective Robert Malloy. Bis zur nächsten Szene in dem kargen Büro vergehen dann mehr als anderthalb Filmstunden, die den allmählichen Fall eines jungen Wissenschaftlers beleuchten. 

Birch wird beschuldigt, am Verschwinden einer seiner Schülerinnen beteiligt zu sein. Trotz stichhaltiger Beweise und Widersprüche, in die sich der Professor offenen Auges verstrickt, zur Festnahme reicht es nicht. Erst als den Professor zunehmend Erinnerungsschübe heimsuchen und ihm die klare Unterscheidung zwischen Wahrheit und Einbildung nicht mehr gelingt, wählt er den Weg der Selbstanzeige.
Doch Detectiv nimmt das Geständnis überraschend beiläufig auf …

Auch wenn durch die Eingangsszene allzu klar scheint, welchen Bahnhof der Film ansteuert. Guy Pearce spielt den Professor, dass man dennoch, um im Bild zu bleiben, den Zug nicht voreilig verlässt. Zunächst tritt dieser Birch noch selbstsicher bis zur peinlichen Überheblichkeit auf, um bald darauf dünnhäutig und zweifelnd zu sein. An seiner Seite der abwartend prüfende Ermittler Malloy, den Pierce Brosan als alten Fuchs gibt. Dank der beiden Darsteller übersieht man beflissentlich die eine oder andere Lücke, die in der Handlung klafft.
März 2020  

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DER MOMENT DER WAHRHEIT
von James Vanderbilt, 2015

Im Jahr 2004 schart die Reporterin Mary Mapes eine Gruppe Gleichgesinnter um sich. Mit dem Star-Moderator Dan Rather wollen die Journalisten Licht in das Dunkel des amtierenden Präsidenten der USA zu bringen. Informanten werden aufgesucht, mögliche Quellen befragt, Beweismittel geprüft. Nach der Ausstrahlung der brisanten Geschichte geht über die TV-Journalisten ein Tsunami der Entrüstung und Diffamierung nieder. Rasch verliert dabei die Tatsache ihr Gewicht, dass der Präsident in seinem Lebenslauf nachweislich geflunkert hat. Stattdessen stürzen sich die Bewahrer des Status quo auf Details, als standen diese im Mittelpunkt der Reportage. Und dennoch: Fehler fliegen denen doppelt heftig um die Ohren, die die Wahrheit von Berufswegen her aufspüren.

Mit exzellenten Darstellern wie Cate Blanchett, Robert Redford und Dennis Quaid zeigt der dialoglastige Film Der Moment der Wahrheit die mühsame und beschwerliche Arbeit von Journalisten nach einem realen Vorbild. Mapes und Rather arbeiteten für den Sender CBS – und wurden nach jener Sendung über Georges W. Bush entlassen.
Februar 2020

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WIND RIVER
von Taylor Sheridan, 2017

Der Wildhüter und Fährtenleser Cory Lambert (Jeremy Renner) findet in einem verschneiten Indianerreservat die Leiche einer indigenen Frau. Die daraufhin aus Las Vegas gerufene FBI-Agentin Elisabeth Olsen (Jane Banner) ist hoch motiviert, muss dennoch erst einmal eingekleidet werden. Das Ganze spielt in Wyoming, hier rutscht das Thermometer gern mal auf minus 30 ˚C.

Als die Bekleidungsfrage und die Kompetenzen geklärt sind, begeben sich die aus ihrem Schatten der Unerfahrenheit langsam heraustretende Agentin und der freundlich-spröde Naturbursche gemeinsam auf Tätersuche. 

So unzugänglich sich die Natur gibt und mit einer nie selbstgerechten Opulenz gezeigt wird, so verschlossen wirken die Menschen, die in der abgelegenen Ödnis leben bzw. leben müssen. Wer sich wie hier zwischen Kriminalität und Drogengebrauch entscheiden muss, wählt manchmal pragmatisch – und entscheidet sich für beide Angebote gleichzeitig.

Es dauert einige rasante Fahrten mit dem Schneemobil, bis der Streifen an Fahrt aufnimmt. Spannend ist der von Beginn an. Die Musik von Nick Cave verhilft den düsteren Bildern zu ihrer Sogwirkung, da können Schneekristalle noch so funkeln. Und wie bei jedem gelungenen Western rauchen am Ende mächtig die Colts, während das Rettende das Fort per Scharfschützen erreicht. 

Dass der Film in Deutschland um zwölf Minuten gekürzt wurde, lässt zumindest aufhorchen. Im Kanon der vermuteten Gründe deutlich vorn: Die Kürzung mag einer Szene geschuldet sein, die zwar schwer erträglich, zur Auflösung der Täterfrage aber wichtig ist.
Januar 2020

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MEETING GORBACHEV
von Werner Herzog, 2018

Wer den Dokumentarfilm Tod in Texas (2011) und die übersichtliche Serie On Death Row (2011-2012) von Werner Herzog kennt, wird sich auf den abendfüllenden Film über den ehemaligen Staatschef der Sowjetunion M. S. Gorbatschow gefreut haben. Anders als bei seinen Gesprächen in den kargen Todeszellen von Texas, wo sich Herzog fragend und gleichsam skeptisch den Verurteilten näherte, verliert er im schmeichelnden Schummerlicht eines Hotelzimmers gegenüber M.Gorbatschow jegliche Fassung.

Herzog stellt kaum Fragen, lobt dafür den älteren Herrn in jedem zweiten Satz und nickt zustimmend, wenn dieser noch schweigend um eine bessere Formulierung ringt.

Allein seine bildnerische Aufbereitung der geschichtlichen Ereignisse, die Gorbatschow anschob und zu deren überforderter und gedemütigter Zeuge er am Ende seiner aktiven politischen Karriere wurde, gelingen Herzog. Horst Teltschik oder James Baker und anderen stellt er Fragen, die weit über das übliche Gesäusel abendlicher Talk Shows gehen.
November 2019

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COP LAND
von James Mangold, 1997

Dass viele Zuschauer Filme nicht mögen, die die Korruption innerhalb der Polizei ins Visier nehmen, ist ein ebenso hartnäckiges Gerücht, wie der zähe Vorwurf, dass der Schauspieler Stallone nur eines kann: starr in eine Richtung blicken.

Es gibt erstaunlich viele und erfolgreiche Filme, die das üble Handwerk derer beleuchten, die einst für Recht und Ordnung angetreten sind. Und ob man es will oder nicht, Cop Land ist ein Paradebeispiel dafür, dass der ewige Rambo und Rocky-Darsteller und trotz einer Muskellähmung zu mehr fähig ist, als unbeirrt auf eine Stelle zu stieren.

Als Freddy Heflin spielt Stallone einen schwerfälligen Sheriff, der gern bei der Polizei untergekommen wäre. Doch die Quittung für seinen jugendlichen Helferimpuls, ein taubes Ohr, schließt ihn von der Polizei aus. Dafür schiebt er inmitten einer Gegend seinen Dienst, in der New Yorker Polizisten in Häusern wohnen, die durch die Mafia finanziert wurden.

Angestachelt durch seinen Freund Figgsy (Ray Liotta) und dem internen Ermittler Lt. Tilden (Robert de Niro) knöpft er sich langsam, aber zielsicher die korrupte Bande vor, deren Kopf der NYDP-Beamte Ray Dolnan (Harvey Keitel) ist.

Wie Stallone diesen stillen und feinfühligen Sheriff spielt ist überzeugend und berührend gleichermaßen. Zunächst hat er nichts dagegen, die unspektakulären Fälle seiner Arbeit zu genießen und bei offensichtlichen Verfehlungen lange nicht genau hinzusehen. Erst der fingierte Tod eines Polizei-Beamten und die blasierte Untätigkeit des internen Ermittlers rütteln ihn wach.

Zum Schluss wirkt der Film wie ein zeitversetzter Western. In bekannter High-Noon-Manier ballern die Colts, dass der Rauch mächtig den Durchblick erschwert. Andererseits haben alle amerikanischen Thriller, die mit dem Showdown liebäugeln, den herben Geruch des klassischen Westerns an sich. Und bei Cop Land ist es ein Sheriff, der das uniformierte Gesindel aus dem staubigen Weg räumt.
Oktober 2019

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BRÜDER KÜHN – Zwei Musiker spielen sich frei
von Stephan Lamby, 2019 

Der Regisseur hat in der Vergangenheit viele abendfüllende Filme über Politiker oder gesellschaftliche Fragen gedreht. Die objektive Herangehensweise hilft Lamby bei seinem neunzigminütigen Porträt über die beiden Kühn-Brüder. Ein Doppelporträt, was den Protagonisten sehr nah kommt – ohne sich ihnen an den Hals zu werfen. Und ein Porträt, was kaum Themen auslässt. Erfolge und Fehlschläge, Krankheiten und der Umgang mit Betäubungsmitteln kommen zur Sprache. Und immer wieder die Herkunft der beiden. Ausgewachsen in Leipzig und bald dem inneren Impuls folgend gen Westen.

Rolf Kühn, Jahrgang 1929, der ordentliche, verantwortungsbewusste Ruhepol und Weise ohne Heiligenschein. Grandseigneur der Klarinette.
Joachim Kühn, Jahrgang 1944, der rebellische, unangepasste, freiheitsliebende und bekennend asoziale Berserker. Dissonanzschmeichler von Klavier und Saxophon.

Bis zu dem Film wusste ich von den Brüdern, doch gehört hatte ich bis dato keine Note von ihnen. Vielleicht deshalb, weil ich meine Jazz-Erfahrung in Peitz, Berlin oder Leipzig sammeln durfte. Republikflüchtlinge – ob Musiker, Schauspieler oder der Kollege von nebenan – galten nach ihrem Weggang als Buh-Männer. Mit dem Wechsel ins kapitalistische Ausland hatten sie jede Möglichkeit verwirkt, noch einmal einen Fuß den Boden des Arbeiter-und-Bauern-Staates zu setzen.

Bekamen erstaunlich viele West-Jazzer die Chance, bei Festivals und Konzerten auf DDR-Bühnen ihr Können zu beweisen, blieb dies denen eisern verwehrt, die das Land verlassen hatten. Was die Kollegen aus dem Westen mit Sicherheit weniger übel nahmen, so bekamen sie den Job. In einer Passage des Films erläutert R. Kühn vom Miteinander der Musiker in New York. Kontakt zu finden sei nicht schwer, auch sonst läuft alles freundlich. Bis man dem anderen einen Auftritt wegschnappt …
September 2019

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VERLEUGNUNG
von Mick Jackson, 2016

Filme, die den Gerichtssaal in den Mittelpunkt der Handlung stellen, zeigen oft gesellschaftliche Schieflagen auf engsten Raum. Im Saal der Justiz geht es um Fakten und Beweise, um die richtigen Fragen und Argumente und schließlich um ein angemessenes Urteil.

Die Professorin D. Lipstadt, die zu Fragen des Holocaust forscht und publiziert, wird vom Autor D. Irving verklagt, weil sie ihn als Holocaust-Leugner bezeichnet. Da die Verhandlung vor einem britischen Gericht ausgetragen wird, liegt die Beweislast bei der Professorin: Sie und ihre Anwälte müssen darlegen, dass es den Holocaust gegeben und Irving mit seiner Leugnung unrecht hat.

Wenn man nicht wüsste, dass dem Film eine wahre Geschichte zugrunde liegt, den Streifen könnte man getrost als überspannt bezeichnen. Die Verbreitung von Fake News ist keine Sache von heute. Und D. Irving verdient weiterhin ganz gut an seinen Büchern.

Rachel Weiz spielt die engagierte Professorin. Hin und wieder gehen ihr, meist in unpassenden Momenten, die Pferde durch. Sie benötigt eine Weile, um die scheinbar widersprüchliche Strategie ihrer Anwälte zu verstehen. So akzeptiert sie nur unter argen Widerständen, dass keine Betroffenen in den Zeugenstand gerufen werden sollen. Genau die würde D. Irving in die Enge treiben (wollen). Und was den Beweis angeht, dass in Auschwitz wirklich Menschen systematisch vergast wurden, ist eben mal nicht so einfach aus dem Ärmel zu schütteln. 

Dass am Ende die Professorin Lipstadt und ihr Team gegen Irving siegen, mag der wahren Geschichte entsprechen, ist dann aber doch zu melodramatisch inszeniert.
September 2019

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DER GEHEIMNISVOLLE KILLER
von Jim Jarmusch, 2009

Es gibt Filme, da wartet der Zuschauer oft eine Ewigkeit, dass die Handlung endlich beginnt. Der besondere Reiz an den Filmen von Jarmusch ist, dass in der besagten Erwartung die eigentliche Handlung besteht.

Das kann zunächst ziemlich öde werden. Kurz bevor sich wirklich so etwas wie Langeweile einschleicht, legt Jarmusch stets gekonnt und subtil eine Schippe drauf. Und wer sich auf diese unaufgeregte Erzählweise, die von ständigen Wiederholungen, monologisierenden Dialogen und Farbkompostionen lebt, einmal einlässt, wird Teil des Ganzen. 

Der namenlose Mann, in der Darstellung sparsam und zugleich ausdrucksstark von Isaac de Bankolé gespielt, erhält einen Auftrag. Stoisch und auf den Endpunkt konzentriert folgt er Anweisungen, die ihn per Streichholzschachtel erreichen. Er begegnet obskuren Leuten, trinkt seine Espressos und läuft durch immer karger werdende Landschaften, um schließlich, mit Hilfe seiner Vorstellungskraft, eine Armada von bewaffneten Kämpfern zu überwinden. Und hier steht er endlich in einem schalldichten Raum seiner Zielperson gegenüber.


In Ghost Dog aus dem Jahr 2000 war de Bankolé noch der aufgedreht quirlige Eisverkäufer, der durchs Bild huschte, wenn die gefeierte Schwermut schwer verdaulich wurde. Den Killer, der im Sinne eines getreuen Samurai tötete, gab Forest Whitaker. In Der geheimnisvolle Killer ist frei von aufgedrehten Leuten, manchmal überspannt Jarmusch sogar den Bogen des gepflegten Stillstands. Dennoch trumpfen die Kurzauftritte von Tilda Swinton oder John Hurt dem Film zu erlesenen Sahnehäubchen. Und was Bill Murray aus seiner ultraknappen Szene zaubert, bekommen andere Darsteller in Endlosstreifen mit Dauerpräsenz nicht hin.
September 2019

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EYE IN THE SKY
von Gavin Hood, 2015

Leichte Unterhaltung bietet der Film keine, er ist eher was für Leute, die nach dem Abspann noch eine Stunde joggen, um sich zu erden. Der Zuschauer wird, wenn er sich nicht aufgrund der vielen Handlungsfäden binnen weniger Minuten dem Streifen entzogen hat, zur Positionierung genötigt. Was wäre wenn? „Wie würde ich mich verhalten?“

Das britische Militär hat mittels Luftaufklärung und modernster Technik in Nairobi ein paar wichtige Milizen der al-Shabaab-Bewegung ausfindig gemacht. Colonel Powell, gespielt von Oscarpreisträgerin Hellen Mirren, erkennt unter der Gruppe eine konvertierte Frau, die für diverse Anschläge verantwortlich ist. Schließlich werden die Militärs an den Computerbildschirmen und an den der riesigen Leinwände Zeuge, wie die Terror-Zelle zwei von ihnen auf einen Selbstmordanschlag vorbereitet. Nun setzt Powell alles daran, dass der Minister, der mit einem kleinen Stab in London sitzt, den ohnehin geplanten Luftschlag rasch genehmigt. Bei Gefahr im Verzug hat der Menschenverstand schlechte Karten.

Spätestens nun beginnt das wortreiche Ringen zwischen Befehlsgewalt und Gehorsam, zwischen eigener Meinung und subtiler Verweigerung. Die Verhältnismäßigkeit der Mittel im Zeichen des modernen Krieges kommt zur Sprache wie mögliche Kollateralschäden, die immer wieder neu berechnet werden – bis die gewünschte Meterzahl für Colonel Powell aufgeht. Ob nebenbei oder schweren Herzens – die Kosten-Nutzen-Rechnungen werden fingiert. Längst ist die Verwendung des Arguments von der Gefährdung der nationalen Sicherheit selbst zur Bedrohung der nationalen Sicherheit geworden.

Als schließlich das heftig umstrittene Okay fürs Losschlagen vorliegt, erkennt das ‚fliegende Auge‘ im Umkreis der Terroristen ein Mädchen. Wie aus dem staubigen Nichts erscheint das Kind und macht sich daran, Brote zu verkaufen. Erneut wird gehadert und gezögert, gilt es doch jetzt zu klären: Wiegt das Leben eines Kindes schwerer, als ca. 40 tote Menschen, die bei einem wahrscheinlichen Terroranschlag ums Leben kommen? 

Wenn auch nicht alles stimmig ist, so sind die Außenaufnahmen mit dem Markttreiben arg holzschnittartig, vermittelt der Film den zerstörerischen Sog, der militärischen Handlungen innewohnt, dennoch plastisch.
August 2019

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LOVE
von William Eubank, Sci-Fi, USA, 2011

Es bedarf einer Weile bis sich der Titel des Films erschließt. Allein und fernab der Heimat macht der Astronaut Lee Miller, von Gunner Wright gespielt, eine folgenreiche Entdeckung: Der Mangel oder das Ausbleiben menschlicher Zuwendung rühren gewaltig ans Eingemachte. Mögen sportliche Betätigungen oder diverse technische Herausforderungen, die der Astronaut zu Hauf erledigen muss, als wunderbare Felder der Ablenkung gelten, die Nächte und die Tagträume erinnern Miller daran: der Mensch ist ein soziales Wesen.

Durch einen nicht näher beschriebenen Un- oder Ausfall verliert Miller den Kontakt zur Erde. Zunächst wehrt sich der Astronaut gegen die vermeintlichen Tests. Dann verfällt er in Schwermut und Apathie. Er rafft sich wieder auf und läuft in der beschränkten Weite seines Raumschiffs um sein Leben. Dennoch verflüchtigt sich sein Verstand.

(Karl-Heinz Dellwo, ein ehemaliges RAF-Mitglied, saß zwei Jahre in Isolationshaft. Danach musste Dellwo wieder sprechen und schreiben lernen.)

W. Eubank ist mit Love ein wunderbarer Film gelungen, unaufgeregt und anspruchsvoll. Der amerikanische Regisseur und Drehbuchautor findet Bilder, deren Wirkung über den Abspann hinausgeht. Dass die menschliche Existenz mal eben nicht durch Zombies oder Aliens bedroht wird, hatte man fast vergessen.

Die Geschichte hinter dem Film hat das Zeug dazu, verfilmt zu werden. Allein dies: Die Kosten betrugen lediglich zwischen 500.000 und 600.000 Dollar. Jeder sonntägliche Tatort kostet mindestens doppelt so viel. Und die Szenenbilder schuf Eubank teilweise im Garten seiner Eltern.
August 2019

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SYMPATHISANTEN – UNSER DEUTSCHER HERBST
von Felix Moeller, 2018
      Mit Hilfe der Tagebücher von Mutter und vom Stiefvater versucht Moeller einen Zugang zur Geschichte der RAF und denen zu finden, die lange als geistige Brandstifter, als sogenannte Sympathisanten diskreditiert wurden.

      Dabei treten auf: Margarethe von Trotta, Volker Schlöndorff, Peter Schneider, René Böll, Marius Müller-Westernhagen, Daniel Cohn-Bendit, Karl-Heinz Dellwo, Christof Wackernagel und Felix Moeller. Archivaufnahmen zeigen u.a. Rainer Werner Fassbinder und Helmut Schmidt, Heinrich Böll und Gerhard Löwenthal.

     Leider konnte sich der Autor nicht entscheiden, ob er die eigene Familienhistorie filmisch aufarbeiten oder einen Teil der jüngsten bundesdeutschen Geschichte (dem Deutschen Herbst) aufspüren will. Sich mit Markus Müller-Westernhagen auf ein Sofa zu setzen, mit René Böll in alten Zeitungen zu blättern und mit der Mutter nach den eigenen Notizen zu suchen ergeben in der Summe nette und dekorative Bilder, einer möglichen Erkenntnis jedoch, warum sich die Sympathisanten ebenso so lange und ausgiebig benutzen ließen, dienen sie wenig.

     Das ist schade und ärgerlich. Gerade die Aussagen von Peter Schneider oder von Christof Wackernagel oder auch von Karl-Heinz Dellwo beinhalten genügend Potenzial, um die Geschichte der RAF und ihrer stillen Teilhaber zu korrigieren.

(An dieser Stelle kann nur gemutmaßt werden, wie z. B. der 1966 in der Lausitz geborene und in Bautzen lebende Zuschauer auf die besitzergreifende Bezeichnung im Titel des Films reagiert: ‚unser‘ Deutscher Herbst.)
Juli 2019

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INSIDE MAN
von Spike Lee, 2006

Wenn Krimis, um den altmodischen Begriff zu verwenden, wenn also Krimis gesellschaftskritische Töne anschlagen geht das oft ins Auge. Da taucht rasch der große Zeigefinger auf und verdunkelt die Handlung mit moralischem Gehabe. Der Film Inside Man umgeht anfangs gekonnt die gefährlichen Klippen, doch nach und nach blockiert der aufgeregte Fingerzeig auch hier das Spiel.

           Eine Gruppe in Arbeitsmontur gekleideter Gangster nimmt eine Bank in Beschlag. Die Angestellten und Kunden des Geldhauses werden ebenfalls in Arbeitskombi gekleidet. War es schon vorher schwer, Gut und Böse zu unterscheiden, jetzt ist es unmöglich.

           Denzel Washington, der den auffallend wachen Inspektor Frazier gibt, ahnt bald, dass er keinen gewöhnlichen Bankraub mit Geiselnahme zu klären hat. Und er soll recht behalten.

           Sein Gegenpart und Oberräuber Russell, gespielt von Clive Owen, hat alle Eventualitäten eingeplant. Er führt die Ermittler lange Zeit kunstvoll an der Nase herum, um am Ende mit erhobenem Haupt und trotzdem unerkannt das Haus zu verlassen.

           Nach der Stürmung des Gebäudes stellt Frazier mit seinen Leuten fest, dass die Gauner entweder geflohen sind oder sich unter den Geiseln befinden. Also müssen die Geiseln nach deren Befreiung einzeln befragt werden. Jeder von ihnen kann zum Kreis der Bösen gehören. (Diese Szenen sind herrlich absurd und besitzen einige Komik.) Und als wäre das Verwirrspiel nicht groß genug, müssen die Ermittler feststellen, dass die Bösewichter kein Geld gestohlen haben.

           Das alles hat einen ungemeinen Unterhaltungswert und ist von Spike Lee spannend in Szene gesetzt. Wenn da nicht die Anwältin Madeline White wäre. Jodie Foster gibt die taffe Dame, die selbstverständlich in den höchsten Kreisen verkehrt und eben mal so dem Bürgermeister die Pistole an die Brust setzt. Diese Nebenhandlung ist wenig zwingend und überflüssiger Politkitsch. Dass eine Stadt selten nur von Heiligen geführt wird, sollte sich rumgesprochen haben. Und indem die Bösewichter es einzig auf das hochbrisante Raubgut absahen, das im Schließfach des eigentlichen Gauners, dem Bankdirektor (Christopher Plummer) schlummert, verliert sich das Ganze in eine weitere Robin-Hood-Verfilmung. Dann lieber gleich die „Dreigroschenoper“, in der es heißt: „Was ist ein Dietrich gegen eine Aktie? Was ist der Einbruch in eine Bank gegen die Gründung einer Bank?“
Dezember 2008/Juli 2019

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IT MUST SCHWING
von Eric Friedler

Es gibt wohl kaum jemand, der gern Modern Jazz hört und nicht wenigstens eine Platte aus dem Hause Blue Note besitzt. Dass dies eines Tages so kommen wird, daran werden Alfred Lion und Frank Wolff, die beiden Gründer des heute legendären Labels, keinen Gedanken verschwendet haben. Denn seit der Gründung von Blue Note im Jahr 1939 waren sie zwangsläufig mehr um den Erhalt ihrer Firma bemüht, als dass sie ihre kostbare Zeit mit Zukunftsmusik verschwendeten. Sie hörten Jazz. Als aus Deutschland geflohene Aussiedler hörten sie die Musik der Entrechteten Amerikas. In einer Zeit, da selbst in den amerikanischen Metropolen noch immer der Rassismus zum Alltag zählte, machten Lion und Wolff ihre Liebe zum Jazz zum Beruf. Sie spürten die meist schwarzen Musiker auf, luden sie gern nach nächtlichen Konzerten ins Studio ein, bewirteten sie und nahmen deren Stücke auf. Lion, der Kopf des Ganzen, der Manager und Kümmerer. Frank, der ultimative Ruhepol, der lieber das Geschehen mit seiner Kamera festhielt, als es zu wortreich zu kommentieren.

Eric Friedler bedient sich in seinem fast zwei Stunden währenden Film eines Kunstgriffs. Da von den Firmengründern wenig geeignetes Filmmaterial existiert, lässt er die wichtigsten Lebensabschnitte der beiden per Animation nachstellen. Ihre erste Begegnung mit der Musik im pulsierenden Berlin der dreißiger Jahre. Ihre Flucht und deren Ankunft im Gelobten Land. Die ersten Gehversuche in New York. Das ist für den Zuschauer gewöhnungsbedürftig, zwar sprechen die Figuren Lippensynchron, doch die Augen bleiben puppenhaft starr und unbeteiligt. Wenn man sich einmal auf die ungewöhnliche Perspektive eingelassen hat, erkennt man bald die Finessen in der Bildfindung, die nur ein Comic ermöglicht.

Neben der plausiblen Erzählung vom Wirken zweier Visionärer, gelingt es Friedler viele der großen Musiker von einst vor die Kamera zu bekommen: Wayne Shorter, Herbie Hancock, Sonny Rollins, Quincy Jones und andere. Wie die über ihre Entdecker und Förderer sprechen und dies lange nach der Glanzzeit von Blue Note berührt und weckt Achtung. In einem Umfeld, wo künstlerische Entfaltung und finanzielle Not zur Medaille des kreativen Schaffens zählten, überwog am Ende – bei all vorhandener Missgunst und Eitelkeit – vor allem die Dankbarkeit.
22.01.2019

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TRUE GRIT
von J. und E. Joen, 2010

Die 14-Jährige Mattie Ross macht sich auf, um den Mörder ihres Vaters zu suchen. Dabei lässt die junge Frau von der ersten Szene keinen Zweifel aufkommen, dass sie alles, aber wirklich alles an der Umsetzung ihres Ziels einsetzen wird. Und so kommt es, dass der Zuschauer in der ersten halben Stunde, die filmisch durchaus ihre Längen hat, damit beschäftigt ist, seine Sympathie der jungen Darstellerin zu schenken.

Mit Verve und Hartnäckigkeit gelingt es Matti, Geld aufzutreiben und Marshal Cogburn, ein trinkendes Raubein, zur Hatz auf den flüchtenden Mörder zu überreden. Der Texas Ranger LaBeouf gesellt sich dazu, nimmt seinen Hut, um sich, als es ernst wird, dem kleinen Trupp wieder anzuschließen.

Es folgen, für einen Western nicht ungewöhnlich, Turbulenzen und ein Reigen schöner und teilweise drastischer Bilder. Die wechselnde Landschaft spielt auch in diesem Film der Joen-Brüder eine markante Rolle: Feuer und Wasser, Sonne und Schnee; und wer von all den Kugeln verschont bleibt, den beißt eine Giftschlange.

Natürlich war und ist Hailee Steinfeld als Darstellerin der Matti die Entdeckung des Films, dass nicht mehr als eine Oscar-Nummerierung für sie wurde, verwundert heute wie es 2011 erstaunte. Wie sich Steinfeld, die bei den Dreharbeiten dreizehn Jahre alt war, gegenüber Hollywood-Matadoren Jeff Brigds (Cogburn) und Matt Damon (Ranger) behauptet, ist mit dem Prädikat großartig reichlich untertrieben. Ein Beleg für die sensible Führung der Regisseure ist diese Leistung allemal.

Was jedoch selbst bei diesem Film unangenehm aufstößt ist die ultimative Treffsicherheit der waffenverliebten Westernhelden. Da landen Schüsse aus Revolvern in einer Entfernung von hundert Metern schnörkellos ins Ziel, obschon diese Handfeuerwaffen eine ähnliche, also eher lausige Körperpflege erhalten wie ihre Träger und gerade mal für den Nahkampf ausgestattet sind. Anders und viel realer dagegen die Darstellung des Rückstoßes jener Waffen, die Mattie benutzt.

29.12.2018

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BAUERNOPFER
Spiel der Könige
von Edward Zwick, 2014


Der Film führt in das Jahr 1972. Brandt wird Bundeskanzler, Böll erhält den Literaturnobelpreis und in München finden die XX. Olympischen Spiele statt. In Amerika regiert Nixon und in der Sowjetunion Breschnew. Und im isländischen Reykjavik stellt sich der amtierende Schachweltmeister Spasski dem Amerikaner Fischer.

Dieses Match wurde zum medialen Highlight, nicht nur, weil der Herausforderer durch seine Launen dem Wettstreit eine unterhaltsame Würze verlieh. In Ost und West sah man das Ringen um die zweimal sechszehn Figuren als den Kampf der beiden sich gegenüberstehenden Ideologien. Der Kalte Krieg griff der heutigen Erderwärmung voraus. So tolerierten die Hintermänner von Fischer dessen Allüren und arbeiteten emsig die neuen Forderungskataloge ihres Champions ab, solange dieser den Sieg für die Nation einfuhr. 

Zur bitteren Ironie der Geschichte gehört, dass beide Spieler wenige Jahre später von den Mächtigen ihrer Länder fallengelassen wurden: Spasski verließ die Sowjetunion und ging nach Frankreich, Fischer wurde zum Weltenbummler, bis er in Island seine neue Heimat fand.*

Der Film Bauernopfer erzählt die Geschichte aus der Sicht Fischers. Ausführlich begleitet die Kamera den jungen Bobby, der sich sämtliche Eröffnungen und Verteidigungen und Offensivlinien selbst aneignet. Kaum hat er den Stimmbruch gemeistert, verblüfft er seine Umwelt mit seinen eigenwilligen Zügen von Springer und Turm sowie mit seinem nicht minder sonderbaren Auftreten. Tobey Maguire spielt den noch nicht mal 30-Jährigen, der nach dem Weltmeistertitel greift: exzentrisch und besessen, von Hochmut getrieben und von Selbstzweifel geplagt, fordernd und misstrauisch bis zum Verfolgungswahn. Liev Schreiber ist ein Boris Spasski, der hinter der Verrücktheit seines Kontrahenten ein Fragezeichen setzt und dennoch an dessen Art zu spielen oder nicht zu spielen zunehmend die Geduld und schließlich jeden Halt verliert.

Hätte Fischer nicht seine Schattenseiten gehabt, die Verfilmung einiger Schachspiele im Winter wäre wohl schon vor der Finanzierung gescheitert. Beim Verfolgen eines Schachspiels erlebt man ungefähr den Kick, als säße man vor dem Pausenbild**. Doch selbst wenn der Regisseur Zwick einmal Fischers psychotisches Tun außenvorlässt und das Spiel der beiden Kontrahenten in den Mittelpunkt rückt, verliert das Ganze mitnichten an Spannung. Immer wieder überrascht die Kamera, indem sie die Szenerie am Brett aus einer anderen Perspektive festhält. Jeder Gesichtszug, jeder Gesten und jeder Blick der Spieler spiegelt das Wissen um die aufgeladene Bedeutung der Mission.

*) 1978 hießen die Spieler Karpow und Kortschnoi. Selbst bei dieser Weltmeisterschaft, die auf den Philippinen ausgetragen wurde, hockte der Kalte Krieg mit am Tisch. Während Karpow für die Sowjetbürger spielte, hatte sich Kortschnoi, der einst in der Sowjetunion aufgewachsen war, zwei Jahre vor der WM einen Aufenthalt in Amsterdam genutzt, um sich abzusetzen.
**) Zugegeben, es gibt heute kaum noch Fernsehsender, die mit einem Pausenbild aufwarten können, doch 1972 gehörte ein solches Bild zu jedem guten Sender.
23.12.2018

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SIEBEN
von David Fincher, 1995

Sieben ist der zweite Film von dem Regisseur, der 2011 für seine Biografie über den Facebook-Macher für eine Oscartrophäe nominiert war. Der Filmtitel geht auf die bekannten Todsünden der katholischen Kirche zurück. Da der Film die Fahne des Bildungsauftrages* hochhält, wird der Fakt von den Tod bringenden Verfehlungen einem Mantra gleich zur Sprache gebracht.

Fincher drehte seinen Film vier Jahre nach Das Schweigen der Lämmer** von J. Demme. Die Anwendung einiger visueller Effekte trägt dazu bei, dass die Bilder grober und körniger wirken. Die Leute sind gedeckt gekleidet, die Räume und Zimmer bleiben meist fensterlos. Und auf den Straßen regnet es, als ginge ein Monsun über die namenlose amerikanische Stadt nieder. Die Düsternis, die in den Szenen vorherrscht, ist erdrückend. So gelingt es dem Blut leicht, jenem Saft mit seiner unnachahmlichen Farbe, sich die Hauptrolle in dem Streifen  anzueihnen.

William Somerset, der von Morgan Freeman als abgeklärten und ausgebremsten Detectiv gespielt wird, will in sieben (sic!) Tagen seinen Ruhestand antreten. Und just im Moment des leisen Abtritts wird der Ermittler an den Ort eines grausigen Verbrechens gerufen. Natürlich fällt einem alten Hasen wie ihm sofort auf, dass die blutige Szenerie, die er zu begutachten hat, der Beginn einer langen wie kräftezehrenden Hatz bedeutet. Brad Pritt spielt, nervös und fiebrig, Freemans ehrgeizigen Adjutanten Mills. Seine jugendlich fahrige Unruhe, die schwer dessen explosive Impulsivität kanalisiert, bildet den notwendigen Kontrast zum erfahrenen Meister, der beim Klang des Metronoms seine nächtliche Entspannung findet. 

Um die Erwartungen zu erfüllen, die an einen Thriller gestellt werden, werden die Tatorte immer ausgefeilter und gestylter. Kurz bevor der Film vollends ins aufgemotzt eklige Allerlei gleitet, stellt sich der vermeintliche Serienmörder der Polizei – natürlich mit blutigen Händen. Und siehe da: Kevin Spacey, der den gesuchten John Done gibt, rettet den aufgeblähten wie bedeutungsschwangeren Reißer und dreht das Geschehen um 180 Grad. Spaceys in sich ruhende, kalt manipulierende Art ist wenig dämonisch sondern in seiner selbstgerechten Erhabenheit abgrundtief menschlich. Gern hätte man ihn mehr als in den letzten dreißig Minuten gesehen.


*) Der Film erhielt von der Deutschen Film- und Medienbewertung FBW das Prädikat wertvoll.

**) Die Filmmusik von Sieben und Das Schweigen der Lämmer stammt von dem kanadischen Musiker Howard Shore.
Oktober 2018


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BIG LEBOWSKI
von den Brüdern Coen, 1998

Wer auf Verwechslungskomödien steht, wer quirlige Typen mag, die nicht allein ein Abziehbild einer beliebigen Karikatur imitieren, sondern die sich auch durch Charakter auszeichnen, wer gegen die inflationäre Verwendung von Schimpfworten und Flüchen keinerlei Einwände hegt, wer die Bilder gern mit reichlich Musik unterfüttert konsumiert, wer einen herrlich schlurfenden und sich hinter einer schwerelos süßen Wolke versteckenden Jeff Bridgs erleben will sowie einen von seinen Vietnamerlebnissen in den bellenden Jähzorn getriebenen John Goodman und eine verschrobene Künstlerin vom anderen Ufer, die von einer Schwangerschaft träumt und auf urkomische Traumsequenzen steht, der kann bei Big Lebowski nichts falsch machen - es sei denn, man hat mit Bowling, jenem Möchtegern-Kegel-Spiel nichts am Hut. 

Der Film ist ein abgedrehter und teils mitunter gemeiner Spaß der Gebrüder Coen, die für ihre bizarre Figurenzeichnung bekannt sein sollten. Selbst die ansonsten bedeckt gehaltenen Nebenrollen, deren Textbücher auf Streichholzschachteln passen, erhalten hier beindruckende Tiefen.

An dieser Stelle sei noch ein Wort zu der deutschen Synchronisation verloren. Völlig überraschend, weil ungewohnt, bedienten sich die Mitarbeiter der deutschen Fassung namhafter Sprecher, die in DDR-Filmen und DDR-Hörspielen prägende phonetische Duftmarken hinterließen: Hans Teuscher und Gunter Schoß. Erst der Einsatz ihrer qualifizierten Stimmen für die Synchronisation eines amerikanischen Films verdeutlicht ziemlich schmerzhaft deren (wendebedingter?) Ausmusterung.

August 2018

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SCHOCKWELLEN
Vierteilige Serie, arte 2018

Die Miniserie Schockwellen greift wahre Kriminalfälle auf, die die Schweizer Republik vor Jahren erschütterten. In der ersten Folge Tagebuch des Todes erschießt der 18-jährige Schüler Benjamin (Kacy Mottet Klein) mit der Waffe seines Vaters die Eltern. Auf die Frage des Richters, weshalb er das getan hat, antwortet der Junge, dass er es nicht weiß. Vor seiner Tat nahm er sich den Rat seiner Lehrerin (Fanny Ardant) an und führte Tagebuch. Darin schildert er seine zunehmende Entfremdung zu seinem Vater. Aus dem Tagebuch liest im Unterricht vor und wird von der Dozentin gelobt. Eine Woche vor dem Doppelmord bleibt der Junge zu Hause und dokumentiert seine Gedanken, die ihn mehr und mehr zu der Tat treiben. Am entscheidenden Tag schickt er sein Tagebuch per Post an die Lehrerin und stellt sich der Polizei. Völlig überfordert von den tödlichen Schüssen sucht die Polizei, der Richter, sucht selbst die Verteidigerin des Jungen nach Antworten. Da es die nicht gibt, zumindest nicht auf den ersten oder zweiten Blick, gerät die Lehrerin in den Verdacht, den Jungen zu seiner Tat angestachelt zu haben. Der schwedische Autor Karl Ove Knausgård äußerte sich einmal über sein Schreiben: „Es ist das Gegenteil von gelebt, das Gegenteil von lebendig, es ist Nicht-Leben, das in seiner letzten Konsequenz lebensverneinend ist.“ Jener Frage, die inzwischen längst zur rhetorischen Floskel verkommen ist, schreiben oder leben, begegnet der Schüler Benjamin auf eine radikale Art: Er schreibt und tötet.

Die Lehrerin bricht, auch wenn sie vor Gericht aussagen muss, den Kontakt zu dem Jungen nicht ab. Sie besucht ihn im Gefängnis und er darf sie besuchen, wenn er Freigang hat. Nach seiner Entlassung verschafft sie ihm eine Wohnung. Ob sie keine Angst habe, dass er sie ermordet, fragt er sie bei seinem ersten Hafturlaub. Nein, sagt die Frau. Wieso nicht?, will der Junge wissen. Weil sie der einzige Mensch ist, den er noch hat. 

Der einstündige Film, der sich in seiner Erzählweise bemüht, keine Wertungen abzugeben und mit einer kühlen Sachlichkeit an den Ton von Ferdinand von Schirach erinnert, rückt den Schüler und die Lehrerin gleichermaßen in den Mittelpunkt des Geschehens. Dass das Tagebuch mal vom Richter, mal vom Psychologen, schließlich von der Lehrerin und dem Jungen gelesen wird, unterstreicht den dramaturgischen Versuch, im szenischen Lesen hinter die Worte des Schülers zu kommen. Das wirkt unentschieden und bei aller Heftigkeit, die in der Geschichte wohnt, halbherzig. Als hätte die Regisseurin Ursula Meier der emotionalen Verunsicherung misstraut, wenn sie dem Jungen den uneingeschränkten Mittelpunkt eingeräumt hätte, wie die Filmemacherin wohl bezweifelte, die Lehrerin ins Zentrum ihres Erzählens zu rücken. Zwar streitet die Lehrerin jede Mitschuld am Handeln des Schülers ab, doch in ihrem Tun entlastet sie eifrig das eigene Gewissen. So wäre ein Film interessant gewesen, der die Geschichte aus zwei Blickwinkeln erzählt: eine Dreiviertelstunde nur aus Sicht des Jungen, dann eine Dreiviertelstunde mit dem Blick der Lehrerin. Juli 2018

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ONLY LOVERS LEFT ALIVE
von Jim Jarmusch, 2013

Der Film handelt von Vampiren ohne dabei ein Vampirfilm im herkömmlichen Sinne zu sein. Wie Jarmuschs Western Dead Man auch kein Western im herkömmlichen Sinne ist.

Adam, Eve, Marlowe und Ave leben schon viele, sehr viele Jahre mit ihrem Geheimnis. Hin und wieder verlangt es ihre Natur, dass sie sich einen Fingerbreit Menschenblut genehmigen. Jeder hat eine seine Strategie entwickelt, wie er mit dem Mysterium und den sterblichen Menschen, den Zombies, umgeht. Erst die Lebensmüdigkeit von Adam bringt seine Ehefrau Eve dazu, das schwüle Tanger zu verlassen und ihren Gatten in Detroit aufzusuchen. Zur gleichen Zeit träumt das Paar von Eves jüngerer Schwester. Eines Abends liegt die wie selbstverständlich auf dem Sofa, um, kaum haben sie Adam und Eve sie entdeckt, die düstere Bude aufzumischen.

Jarmusch zeichnet seine die Nacht liebende Geschöpfe mit sanften Witz und leiser Melancholie. Wenn der dekadente Reigen ins Überdrehte zu kippen droht, findet er rasch die Bremse und lässt die Geschichte wieder erden. Die Kamera ist das Brennglas, das jede Falte und jede Hauswand neugierig untersucht ohne geschwätzig zu sein. Und die Klänge der vielen Saiteninstrumente vollenden jedes Bild, dass erst aus deren Zusammenspiel die schlüssige Musik entsteht.

So bizarr, ja morbid vielleicht manche Szenen sind, so köstlich ist es, den Schauspielern bei ihrer Arbeit zu folgen. Tilda Swinton als die entrückte, ewig schwebende und doch bodenständige Eve. Tom Hiddleston als trübsinniger Adam, der selbst in freudigen Momenten seiner Trauer treu bleibt. Mia Wasikowska als Ava, die mit ihrer unverfrorenen Lebendigkeit alle in Gefahr bringt. Und John Hurt, dem kränkelnden, bald siechenden Vampire namens Marlowe, der Krücken benötigt, da ihm die Jahrhunderte, die er mit sich schleppt, beim aufrechten Gang hindern.

Der Film Only Lovers Left Alive gleicht einem edlen Tropfen, der sämtliche Sinne bestens bedient und der mit seinem lang anhaltenden Abgang in bleibender Erinnerung bleibt.

Mai 2018

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SPHERE
von Barry Levinson, 1998

Eine bunt zusammengewürfelte Mannschaft von Wissenschaftlern wird zu einer Absturzstelle gerufen. Am Meeresgrund befindet sich ein Raumschiff, dass, wenn die Berechnungen stimmen, vor 288 Jahren verunglückt ist. In dem Raumschiff stößt die Crew auf eine riesige goldene Kugel. Während der weiteren Handlung stellt sich heraus, dass fast jedes Mitglied des Teams in der Kugel war. Was sie drinnen gesehen oder erlebt haben, behalten sie für sich. Es sind die Ereignisse an Bord der Basisstation, die schließlich eindeutige Rückschlüsse auf die Welt ihrer Gedanken zulassen. Was sich die Wissenschaftler vorstellen, tritt ein. Und weil sie Menschen sind, folgt schnell eine Katastrophe der nächsten.

Sphere ist ein zweistündiger Bilderreigen zum Thema Manipulation. Zur Grundlage des Streifens diente der Roman Sphere - Die Gedanken des Bösen von M. Crichton.

Der Film beinhaltet viel Action, zuhauf zwischenmenschliches Kleinklein und tolle Schauspieler. Dustin Hoffman gibt den analytisch versierten und von eigenen Ängsten gebeutelten Psychologen Dr. Norman Goodman. Samuel L. Jackson ist der undurchsichtige und gleichsam um die Ecke denkende Mathematiker Dr. Adams. Als die mit den großen wie mit den kleinen Lebenszweifeln bestens vertraute Biochemikerin Dr. Halperin ist Sharon Stone zu erleben. Labil und mit reichlich dunklem Gedankengut ausgestattet sind sie alle drei. Ob fern im All oder tief im Ozean, das Böse manifestiert sich dort, wo Menschen miteinander am Tisch sitzen.

Kunden, den der Film gefiel, sahen auch Solaris (nach S. Lem).   
März 2018

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THE IDES OF MARCH
Tage des Verrats
von George Clooney, 2011

Überzeugte Wahlmuffel sollten diesen Film meiden, bedient er doch nur ihr Vorurteil, sofern sie über ein solches verfügen. Die Politik ist schmutzig, Politiker sind Manipulatoren und selbst manipulierbar und Wahlen sind legitimierte Verschwendungsorgien von Steuergeldern.

Menschen, die ihrem demokratischen Recht nachgehen und jede anstehende Wahl annehmen, sollten diesen Film ebenfalls meiden. Dass er ihnen den hehren Glauben an die eigene Mündigkeit versalzt ist vorprogrammiert. „Wenn das so ist“, könnte der Demokratiefreund nach dem Film resignierend feststellen, „dann behalte ich lieber meine Stimme.“

Zugegeben, keine guten Aussichten für einen Film, dem gleichwohl viele Zuschauer zu wünschen sind. Die spannende, mitunter absehbare Handlung wird von einer Schar erstklassiger Schauspieler getragen. Die vielen und intensiven Dialoge sind sicher dem Theaterstück geschuldet, das dem Film zugrundeliegt.

Wenn die Gattung Polit-Thriller ein alter Hut ist, dann betreibt Tage des Verrats so etwas wie Erinnerungsarbeit. Der Film hievt einem mal wieder ins Bewusstsein, dass jede Macht ihren Preis hat. Und um diesen Preis wird eben nicht in den leidigen Talkshows oder während einer mitternächtlichen Debatte im Bundestag gerungen.

Es ist Wahlkampf. Zwei Politiker einer Partei bewerben sich in einem äußerst wichtigen Bundesstaat um den Posten des Präsidentschaftskandidaten. Chefstratege Meyers (Ryan Gosling), glühender Wahlkämpfer für den Bewerber und Gouverneur Morris (George Clooney), gerät ins Straucheln, als er ein schmeichelhaftes Abwerbungsgesuch von der Gegenseite erhält. Obschon Meyers der Versuchung widersteht, wirft ihn sein Mentor (Philip Seymour Hoffman) wegen mangelnder Loyalität aus dem Team. Meyers, zutiefst gekränkt, schwört Rache und heuert bei der Konkurrenz an, um das gerade erst ausgeschlagene Angebot nun doch anzunehmen. Dort aber entzaubert ihn der windige Lockvogel Duffy (Paul Giamatti). In der Hitze des Gefechts von Worten wird Meyers eiskalt abserviert.

Mögen diese Eckpunkte genügen, um gehörig Lust auf den Film zu entfachen – oder vor dem Streifen strengstens zu warnen. Dass mit der Abfuhr, die Meyers bei Duffy erfährt, der Film erst so richtig in Fahrt kommt, sei hier nur am Rande vermerkt.

August 2017

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CULPA - Niemand ist ohne Schuld
deutsche Serie auf 13th Street, Dt. 2017

Die Legende geht so: Als die Filmleute eine passende Kirche suchten, um die Serie zu drehen, fand man keine unter den katholischen Gotteshäusern. Schon war man dabei, die Suche abzubrechen, bis sie einen Tipp erreichten, sich doch mal die Berliner Zionskirche anzusehen. Und hier, in diesem evangelischen Haus, in dem einst Dietrich Bonhoeffer seine Predigten hielt, stellte man den Beichtstuhl hin. Denn der ist schließlich wichtiger Dreh- und Angelpunkt der deutschen Miniserie mit momentan vier Folgen.

Der namenlose Priester (gespielt von Stipe Erceg) ist zwar an das Beichtgeheimnis gebunden, die Möglichkeit, Sünden bzw. Verbrechen zu verhindern, kann er dennoch wahrnehmen. Das Kammerspiel lebt vom Spiel der Gesichter. Jedes Zucken der Augenbraue, jeder Augenaufschlag offenbart ein Seelenleben, das fern jeglicher Floskel ist. Beim Beichten pfeift der Mensch auf Distanz. Die Dialoge, stimmlich nicht immer auf akustischer Höhe, verleihen den Geschichten jene Glaubwürdigkeit, denen es Serien dieser Art gern mangelt.

Dass der Geistliche in einer äußerst kargen Kammer haust, welche er geduldig mit einer aufgeweckten Ameisenfamilie teilt, kann als ein löblicher Gegenentwurf zum lebenslustigen bzw. prunkfreudigen Diener der katholischen Kirche gewertet werden. Überzeugend ist die Show dieser franziskanischen Entsagung nicht.

Diese Serie ist ein intensives Kaleidoskop menschlicher Ab- und Beweggründe, wobei die Kardinalfrage nach Gut und Böse ohne Antwort bleibt, bleiben muss. Wie wird der Priester nicht müde zu versichern: „Wir sind alle Sünder.“

Juli 2017

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NICHT AUFLEGEN !
von Joel Schumacher, 2002

Wer schon immer etwas gegen das Telefon hatte, sollte sich den Film unbedingt ansehen. Aus Sicht ewiger Telefonskeptiker erhärtet der Streifen jedes noch so kleine Vorurteil. Telefonieren gefährdet die Gesundheit, führt zu Herzrhythmusstörungen und kann tödlich sein.

Doch im Ernst. Der Film liefert eine spannende Dreiecksgeschichte der besonderen Art. Da ist Stuart Shepard (Colin Farrell), der miese Medienschmutzfink, der obendrein ein mächtiger Schaumschläger ist. Da ist der Scharfschütze, der im Gewand eines Moralapostels zynisch über Tod und Leben entscheidet. Und da sind die vielen Außenstehenden, allen voran Oberbulle Captain Ramey, gespielt von Forest Whitaker.

Stuart wird in einer Telefonzelle von einem ihm unbekannten Anrufer schikaniert. Mehr noch, der Mann am anderen Ende der Leitung, hat ihm im Visier seines Zielfernrohrs und zwingt ihn, nicht aufzulegen. Schussbereit will der namenlos bleibende Anrufer, dass sich Stuart zu seinen schlechten Eigenschaften bekennt.

Kein geringerer als Kiefer Sutherland ist Stuarts grantiger Widerpart. Doch dessen Auftritt währt nicht mal eine Minute. Denn nur am Ende des Films schiebt er sich an den geretteten Stuart vorbei, der vollgepumpt mit Beruhigungsspritzen im Krankenwagen liegt. Hat Stuart die letzte Stunde schon nicht recht begriffen, verschwimmt ihm die Welt jetzt vollends hinter einem dicken Schleier. Auch wenn diese Szene das ungleiche Duell so kurz vor dem Abspann auf eine andere Ebene hebt, sprengt sie doch wohltuend, weil überraschend das scheinbar seichte Ende und gibt der möglichen fortführenden Handlung eine neue Richtung.

Dass NICHT AUFLEGEN! die Echtzeit der Handlung vorgibt zeigt, dass Fiktion etwas sehr Reales sein kann. Ein bleihaltiger Abgesang auf die altgediente Telefonzelle, jenes beengte Refugium aus vorsintflutartiger Zeit, ist der Film allemal.

Bereits 2002 sollte der Streifen erscheinen, die Premiere wurde um ein Jahr verschoben. In der Hauptstadt der USA wüteten wochenlang zwei Sniper.

 

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16 BLOCKS
von Richard Donner, 2006

Bruce Willis als gebeutelter, illusionsloser, also moderner Cop Jack Mosley. „Das Leben ist zu lang“, meint er an einer Stelle. Und: „Das Wetter ändert sich. Der Mensch ändert sich nie.“

Mosley hat einen farbigen Ganoven vom Polizei- ins Gerichtsgebäude zu bringen. Der Kleingauner wird von Mos Def gespielt, der eher als Musiker bekannt sein dürfte. Willis hätte wohl das Spiel des versoffenen Bullen verweigert, wenn auf dem kurzen Stück Weg, 16 Blocks eben, keine Verfolgungen und Schießereien geplant waren.

Hier und da blitzen Ideen auf, die gut und gern in einem der Endlosstreifen von Stirb langsam gepasst hätten. Und ähnlich wie in der erwähnten Filmreihe verliert sich bald die leise Ahnung, weshalb der Bulle das krachende Schlammassel auf sich nimmt. Es gilt den Zieleinlauf zu erreichen, koste es, was es wolle.

Dabei waren die Kosten für den Film hoch. Und hat weniger als die Hälfte vom Budget eingespielt. Deshalb wohl auch die häufige TV-Ausstrahlung. 

Bürstet Willis seinen  Mosley gegen den sonst üblichen adrenalingedopten John McClan, so bemüht sich Def um den heiteren Part. Doch dass allein ein Plappermaul als sicherer Humorgarant gilt, weiß man spätestens seit Eddie Murphy. Dennoch wartet 16 Blocks mit allerlei witzigen Wendungen auf, die, weil unlogisch, dem Ganzen den nötigen Unterhaltungswert verleihen. David Morse, bekannt aus Green Miles, spielt den korrupten, ewig Kaugummi kauenden Oberbullen Frank Nugent. Die subtilen Augen- und Wortgefechte, die er mit Mosley wechselt, entschleunigt das mitunter arg turbulente Treiben auf angenehme Weise.

Und dass bei dem Filmgeschehen nahezu die Echtzeit eingehalten wird, belebt den Streifen auf eine ganz andere Art.

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MOON
von Duncan Jones, 2009

Ein Doppelgänger wirft unweigerlich die Frage auf: Wie viele bin ich? Der Film Moon hält sich nicht lange mit dem Mysterium Doppelgänger auf, denn die Rechnung ist schlichter als erwartet: ich sind die anderen.

Sam Rockwell spielt Sam Bell, einen Astronauten, der für drei Jahre auf dem Mond seiner Arbeit nachgeht. Er bedient die Erde als Energielieferant, indem er Helium versendet. Einziger Gesprächspartner an Bord der Station von Bell ist Gerty, ein menschelnder Roboter. Im Original wird dieser von Kevin Spacey gespielt, eher gesprochen. Spacey gab Prot, den Typen vom fremden Stern im Film K-PAX. Bezüge auf die Filmgeschichte ziehen sich in Moon wie ein roter Faden durch den Film. Duncan Jones, der Regisseur steht dazu: „Ich wünsche mir, dass SF-Fans …., all die Zitate … entdecken, mit denen wir an vergangene SF-Filme erinnern wollen.“ 

Kurz vor Ablauf der Jahresfrist geht es Bell gesundheitlich immer schlechter. Zunächst leidet er an leichten Halluzinationen, doch dann gerät er in einen folgenschweren Unfall. Fortan leben zwei Sam Bells auf der Station.

Während des Films lohnt es, sich immer mal wieder die Augen zu reiben. Dass hier wirklich die ganze Zeit nur ein Schauspieler agiert, hinterlässt einen nachhaltigen Eindruck. Sind doch die beiden Bells so unterschiedlich, wie sie nur sein könnten. Der schwächelnde, labile Sam 1 und der aufbrausende, wagemutige Sam 2. Und dabei ist keiner der beiden der echte Sam. Sie sind geklonte, für drei Jahre animierte Sams, während das Original längst wieder auf der Erde lebt (und dort sich über die Energielieferungen freut - wie alle anderen Menschen).
Die Leistung von Sam Rockwell entschädigt manche Lücke in der Handlung. (Möglich, dass sich die Lücken bei einem wiederholten Sehen schließen.)

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BARTON FINK

von Joel und Ethan Coen, 1991

Was für ein Film! Es ist weniger die Figur des erfolgreichen Bühnenautors Fink, den es nach Hollywood verschlägt und der dort, wenig überraschend, einer Schreibblockade erliegt, es sind die zahlreichen doppelten Böden, die den Film so reizvoll machen: Das sentimentale Bild über dem Schreibtisch, dessen Motiv den Film als reale Szene beschließt; die zunächst harmlosen Mücken, bis ein tödlicher Stich das Leben von Fink auf den Kopf stellt; das Hotel, das zu schwitzen scheint und schließlich brennt. Nicht zu vergessen die zahlreichen, subtilen Anspielungen, der Film spielt 1941: So erschießt der zwielichtige Mundt auf dem brennenden Hotelgang einen Polizisten mit den Worten: Heil Hitler!

Aus dem Kreis der überschaubaren Figuren sticht vor allem John Goodman heraus. Der sich als Versicherungsvertreter gebende Charlie Meadows bewohnt neben Fink, gespielt von John Turturro, ein Hotelzimmer. Dass dieser kumpelhafte, verschwitze Vertreter nicht ganz koscher* ist, glaubt man als Zuschauer anfangs gleich zu wissen. Doch umso sicherer die anderen Personen, der berühmte Autor Mayhew, dem Fink über den Weg läuft, ist nicht das Genie, für wen ihn Fink schwärmerisch hält, sich als Schreckbilder entpuppen, entzieht man dem Versicherungsvertreter zunehmend all die ihm entgegen gebrachten anfänglichen Zweifel. Bis zwei Kriminalisten, die, so scheint es, einem drittklassigen Hollywoodschinken entsprungen sind, in der Hotellobby nach dem Serienmörder namens Carl Mundt, Mördermundt fragen. Erst da wird Fink und dem Zuschauer klar, dass der Versicherungsvertreter, der Seelenfrieden (!) verkauft, auch nicht das ist, für den ihn Fink und der Zuschauer hält.


Wenn sich auch zahlreiche Bilder und Bezüge sofort einprägen, ist es ein Film, den man getrost ein weiteres Mal anschauen kann und sollte, um noch mehr zu entdecken.

* Mehr als einmal wird diskriminierend auf den jüdischen Ursprung des Namens Fink hingewiesen.

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SHUTTER ISLAND
von Martin Scorsese, 2010

Mit Verwirrspielen ist das so eine Sache. Wenn man meint, den roten Faden gefunden zu haben, steht man längst schon wieder mit leeren Händen da.

Martin Scorsese hat mit seinem Film Shutter Island ein solch verwirrendes Spiel der tausend Wege erschaffen. Der US-Marshall Edward Teddy Daniels soll mit einem Gefolgsmann eine entflohene Kindermörderin finden. Und dies auf einer Gefängnisinsel, die so lauschig ist wie das Wetter mit seinem Sturm und Dauerregen. Doch Daniels findet sich zunehmend mit der eigenen Person konfrontiert. Blutige Tag- und Nachtträume überfallen ihn und nehmen mit ihrer halluzinativen Wucht von seinem Denken in Besitz. Er sieht Gespenster und glaubt einer Verschwörung auf der Fährte zu sein. Schließlich stellt sich für ihn wie für den Zuschauer heraus, dass (natürlich) alles ganz anders ist.

Scorsese liefert, dank der Kamera von R. Richardson (Inglourious Basterds), stimmungsvolle Bilder. Die Hauptfarben wechseln unaufgeregt zwischen grau, weiß und schwarz. Die Naturgewalt auf der Insel und die Musik agieren als zwei unabhängige Figuren der Handlung. Leider stoppt Scorsese diese immer wieder, als traue er sich selbst und seinem Erzählen nicht über den Weg. So geraten etwa die gewaltigen Alpträume von Daniels zu simplen Erklärungen. Auf Dauer wirkt das ermüdend, schlimmer noch, es langweilt. Dann lieber einen einfältigen Lückentext, da kann man sich wenigstens am Ende der eigenen Inkompetenz bezichtigen.

Leonardo DiCaprio bemüht sich den US-Marshall leidenschaftlich zu spielen. Und genau dies ist sein Problem: DiCaprio spielt einen US-Marshall. Irgendwie nimmt man ihm einen seelenkranken Beamten mit Vergangenheit nicht ab. Überhaupt: Wenn er den lebenskundigen, erfahrenen Boss herausstellt, wird er gänzlich lächerlich. Dagegen kommen Ben Kingsley als Chefarzt Dr. Crawley und Mark Ruffalo als Chuck Aule glaubwürdig und integer rüber. Selbst ein Max von Sydow kann mit seiner diabolischen Rolle als Dr. Naehring punkten. Ihnen allen ist nicht jene Angestrengtheit anzumerken, unter der DiCaprios Figur leidet.

 

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NIGHT ON EARTH
von Jim Jarmusch, 1991

Der Film schildert das Zusammentreffen von Taxifahrern und ihren Gästen. Und das in Los Angeles, New York, Rom, Paris und Helsinki.

  
Episodenfilme besitzen den Vorteil, dass man leicht den Überblick behält. In je fünfundzwanzig Minuten lassen sich, zumal wenn es sich um Taxigeschichten handelt, klar umrissene Welten zeigen. Die agierenden Personen sind zahlenmäßig locker an einer Hand abzumachen.

Der Nachteil am Episodenfilm ist der fehlende Höhepunkt und die damit verbundene niedrige Spannungskurve. Für Jarmusch sicher kein Problem, zielt er ohnehin nicht vordergründig auf die beiden Eckpfeiler des Kinofilms. Ein weiterer Nachteil ist, dass der Episodenfilm in seine durch die für sich abgesteckten Felder zerfällt. Dennoch bleiben Momente, die in Night on Earth jede Episode zum stillen, unspektakulären Spektakel werden lässt.

Da ist der aus Afrika stammende Taxifahrer, der seinen blinden Gast mit dem Andersein nervt. Da ist der Fahrer, der ein paar betrunkene Jammerlappen mit seiner jämmerlichen Geschichte zum Heulen bringt. Da ist der aus Ostdeutschland stammende Fahrer, der sich weder in der Stadt New York noch mit dem Auto auskennt. Da ist der Fahrer, der in Rom einen Geistlichen sprichwörtlich zu Tode schwatzt. Und da ist die Fahrerin, die es in der Filmstadt Los Angeles ablehnt ein Filmstar zu werden. Immer sind es, anders als gewöhnlich, die Fahrer, die den Gästen was zu erzählen haben, die dem Unbekannten auf der Rückbank etwas beichten müssen. Dass als letzte Episode jene in Helsinki spielende steht, ist sicher mit Bedacht gewählt. Erinnern die Episoden doch mit ihrem unwiderstehlichen Charme des Beiläufigen, Lakonischen sehr an die Filme des Finnen Kaurusmäki.

Ein wichtiges Element für Jarmuschs filmisches Erzählen ist unbestreitbar die Musik. Dead Man oder Ghost Dog sind ohne die weichen wie kratzigen Klangteppiche unvorstellbar. In Night on Earth stammt die Musik von Tom Waits. 

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ZWÖLF WINTER
von Thomas Stiller, 2009

Dieser Fernsehfilm mit Axel Prahl und Jürgen Vogel ist einer der wenigen Streifen, bei dem ich mich wiederholt verwundert die Augen gerieben und gefragte habe: Kann das sein? So geradlinig und stimmig, so menschlich und gleichsam spannend habe ich selten einen deutschen Fernsehfilm erlebt. Die (wahre) Geschichte zweier Knastbrüder, die nur im Winter diverse, vor allem abgelegene Banken überfallen, besticht durch ihren Witz und durch ihren unhörbaren Ruf: Keine Gewalt.

Manche Romantik (Szenen im Knast) und Überzeichnungen der Figuren (Thermoskanne beim Erkunden neuer ‚Märkte’) lassen sich leicht tolerieren, kommt doch das große Ganze ungemein schlüssig rüber. Die ganze Zeit findet sich der Zuschauer auf der Seite der Räuber und schämt sich nicht mal dabei. Die Polizisten dagegen kann man nur (wie im richtigen Leben) bemitleiden, wenn man nicht gerade über sie (zugegeben verhalten) lacht.

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GHOST DOG
von Jim Jarmusch, 1999

Filme, die sich der Thematik Mafia und Killer annehmen, laufen unweigerlich Gefahr, altbekanntes auf unansehnliche Weise zu wiederholen. Zu oft und episch sind beide Thematiken im Film behandelt wurden, sind sie doch wie geschaffen für jene bebilderten Träume, die man von der Leinwand erwartet.

Wenn sich Jim Jarmusch, wie 1999 geschehen, dieser Thematik annimmt, so erwartet man keinen Knall-Bumm-Bumm-Film. Jarmusch spielt mit den verbliebenen Erwartungen des Zuschauers und überrascht dabei immer wieder. Seine Mafia-Typen wirken so komisch und strotzen vor Klischees, dass sie wahrscheinlich noch am ehesten an den realen Typen herankommen. Jarmusch brilliert mit einer selten gewordenen Komik. Er überzeichnet die Figuren und macht sich dennoch eher über unsere Sehgewohnheiten lustig als über seine Protagonisten.

Jarmusch überlässt nichts den Zufall. Auch Ghost Dog ist ein Film, bei dem man durch wiederholtes Sehen immer wieder Neues entdeckt. Trickfilme werden von den Erwachsenen gesehen, das Kind im Film dagegen liest. Der schweigsame Hund, der den Killer ansieht. Die Kommunikation zwischen den französisch sprechenden Eisverkäufer aus Haiti und dem Killer, der kein französisch spricht. Überhaupt die Einwanderer: Die italienisch stämmigen Mafia-Leute, der Eisverkäufer, der Indianer (aus Dead Man) auf dem Dach eines Hauses. Schließlich Ghost Dog selbst, alles Fremde in einer Zeit, in einem Land.

Natürlich knüpft der Film an Der eiskalte Engel und an manch andere Filmgrößen an. Natürlich kommt der Film durch seine Texteinblendungen des Hagakure, welche die nächsten Szenen bebildern, bedeutungsschwer daher. Natürlich sind manche Dialoge (in der deutschen Synchronisation?) hölzern und wenig poetisch. Und natürlich weist das ganze Samurai-Gehabe doch erstaunliche faschistoide Züge auf. (Geht es Jarmusch nicht um die hohle Ich-Phrase, wenn diese Silbe einer Ideologie anheim fällt, so tierfreundlich und belesen sie sein mag?!) Gerade deshalb bietet der Film mit Forest Whitaker in der Titelrolle, ebenso daherschwebend wie die Texte, gute Unterhaltung. Unnachahmlich der schwankende Gang von Whitaker sowie sein verlorener Blick.

Gute Unterhaltung setzt auf Bewährtes und erlaubt sich hier und da Brüche. An manchen Stellen werden fragwürdige Zeichen gesetzt, die erst an anderer Stelle aufgedröselt werden. Gute Unterhaltung ist nicht diktatorisch, sie lässt eigenes Denken zu.