flaschenpost-leipzig
Volkmar Wirth (ehemals Wirth-Kresse)

 

 

In den Tiefen des Alltags


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20.01.2021

ERSATZ. HANDLUNG

Menschen, die mich kennen, wissen um meine sentimentale Ader. Ich dagegen, der mich jeden Tag neu kennenlernt, komme immer wieder ins Staunen. Da ist die Sache mit der Lampe.
Gestern brachte mir der Postbote eine neue Stehlampe. Die alte kommt ihrer Aufgabe zwar noch nach, ist aber durch mehrere Umzüge nicht mehr schön anzusehen. Und während ich mich also daran machte, die neue Lampe mit Hilfe der beigelegten Skizze zu montieren, kamen mir die ähnlichen Schwierigkeiten in den Sinn, die mich vor Jahren bei der Konstruktion der nun alten Lichtquelle an den Rand der Verzweiflung brachten.
Ich hielt inne und spürte einen Hauch von Wehmut. Wenn mir die alte Lampe immer noch am Herzen liegt, sollte ich ihr nicht deshalb ein würdiges Plätzchen genehmigen? In der Küche vielleicht? Da würde sie sich gut machen. Oder besser im Bad? Im Bad wäre auch nicht schlecht.
Nein. Und nochmals nein. Ich hatte mich anders entschieden. Ich wollte mich von der Lampe trennen. Richtig trennen. Ohne wenn und aber. Ein für allemal. Ohne Ausflüchte. Selbst der Keller wäre eine halbherzige Lösung. Wie der Dachboden nur ein lauwarmer Abschied wäre, einer auf Raten. Die Lampe gehört entsorgt. Ihr Platz ist die Müllhalde.
Kaum ging ich mit mir derart gnadenlos ins Gericht, trat ein Verteidiger der alten Lampe vor. Wovon ich mich eigentlich scheiden will, wollte der Anwalt wissen, der mit seinem Bart und der Zigarre wie Freuds jüngerer Bruder aussah. „Was“, tönte der Mann weiter, als genoss er meine Unsicherheit, „was möchten Sie wirklich aussortieren, wenn Sie so plötzlich all ihre Energie einer lächerlichen und überaus altmodischen Lampe widmen?“



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