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Volkmar Wirth (ehemals Wirth-Kresse)

 

 

In den Tiefen des Alltags


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30.01.2021

MITTAG

Gewöhnlich hält sich Julian die Mittagszeit frei. Er macht dann auf geselligen Kollegen. Er verzieht sich in ein leeres Büro und futtert sein Müsli.
Aus welchem Grund auch immer hatte Julian gestern daran nicht gedacht. In seinem jugendlichen Leichtsinn vereinbarte er für Punkt zwölf Uhr, mit einer Kundin deren neue Versicherung zu besprechen. Um schließlich zu einem erfolgreichen Vertragsabschluss zu kommen.
Natürlich überfiel ihn kurz vor dem Termin ein solcher Hunger, dass er sich am liebsten aus dem Staub gemacht hätte. Sein Bauch grummelte, als wollte er sich auf seine Leere hinweisen. Nur so konnte sich es Julian erklären, dass er die Frau nicht hörte. Denn plötzlich stand sie neben ihm.
Genervt sah er sie an. Wegen ihr war er am Verhungern. Endlich hatte seine schlechte Laune ein Ziel.
Der Frau schien das nicht zu stören. Im Gegenteil. Von der zierlichen Person ging eine solche Wirkung aus, dass Julians Magen mit einem Schlag die Klappe hielt. Und der Hunger, der dabei war, ihn in einen Griesgram zu verwandeln, hatte sich verflüchtigt.
Damit nicht genug. Nachdem die Frau mit einem seligen Lächeln die notwendigen Formulare unterschrieben hatte, vergaß Julian, ihr die fällige Gebühr abzuverlangen. Wie blöd erfreute er sich an den tänzelnden Bewegungen der Kundin. Und bis an den Rand der Besinnungslosigkeit saugte er ihr Parfüm auf.
Wenn der Volksmund sagt, Liebe macht blind, raubte eine bloße Begegnung Julian schon den Verstand.
Wenige Minuten später kam die Frau zurück und fragte ihn, ob sie ihn zum Essen einladen könnte. Ach was! Sie wies Julian rücksichtsvoll auf seinen Passus hin und bezahlte das Geld.



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