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Volkmar Wirth (ehemals Wirth-Kresse)

 

 

In den Tiefen des Alltags


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22.02.2021

BEGLEITUNG

Bevor mich die Ärztin aufruft, darf ich auf einem Bänkchen vor ihrem Zimmer Platz nehmen. Zwischen Warteraum und Behandlungszimmer bin ich dort vom Tuscheln und Schweigen der anderen Patienten abgeschnitten. Einzig die Gespräche, die am Tresen geführt werden, bekomme ich mit.

Ein Mann in Begleitung. Den Mann höre ich. Die Stimme eines Trainers. Oder eines Offiziers. Kräftig und etwas zu laut. Von der Begleitung höre und sehe ich nichts. Zunächst erteilt der Mann seiner Begleitung Kommandos. Sie soll ihren Mantel ausziehen, auf die Toilette gehen und sich dann im Wartezimmer einen Platz suchen.
„Ich mach das schon“, sagt der Mann mehrmals, als muss er sich Mut zusprechen. „Ich mach das schon. Zieh deinen Mantel aus. Bitte zieh den Mantel aus. Hier ist es warm. Und dann gehst du auf die Toilette. Die ist dort drüben. Siehst du? Was ist? Bitte! Vorhin musstest du ganz dringend. Hast du das vergessen? Wenn es nach dir gegangen wäre, hätte ich unterwegs anhalten sollen. Und du wärst ins Gebüsch. Na komm. Alles wird gut!“

Meine Überraschung würde sich in Grenzen halten, wenn den Mann eine junge, eine sehr junge Frau begleitet. Eine Frau aus Vietnam oder von den Philippinen. Deutsche Männer sprechen oft mit ihren Überseefrauen, als würde deren Einschulung nächstes Jahr anstehen. Bevormundung als eigentliches Vorspiel. Die Männer sind Loverboy und Papa in einem. Sie wissen, wo es lang geht. Sie haben alles im Blick. Sie kümmern sich. Sie halten den Weg frei. Sie scheuen sich vor nichts. Sie schießen zurück. Sie treffen sogar im Dunkeln. Sie haben für alles eine Erklärung. Sie pfeifen auf Regeln. Sie werfen sich den Gefahren in die Quere. Und die Kohlen holen sie aus dem Feuer. Nur bei Schnupfen oder Halsweh rufen die Männer den Notarzt.

Während die Begleiterin die Toilette aufsucht, verhandelt der Mann mit einer der Praxisangestellten neue Termine aus. Was in der Regel ein, zwei Minuten dauert, entpuppt sich bei dem Mann zu einer unendlichen Geschichte. Entweder passen dem Mann die vorgeschlagenen Zeiten nicht. Oder er lässt sich bis ins Detail erklären, womit an dem betreffenden Tag zu rechnen ist. Um nach Minuten entsetzt zu fragen: „Und wann, sagten Sie, sollte das sein?“

Schließlich verständigt man sich doch und der Mann gibt sich begeistert. „Perfekt!“, ruft er. „Das ist perfekt! Das ist wirklich perfekt!“ Ob der Mann dabei die Termine meint oder sich und seine rasche Auffassungsgabe, bleibt sein Geheimnis.

Inzwischen kommt seine Begleitung von der Toilette. Natürlich sagt der Mann, was nun anliegt. „Geh schon mal ins Wartezimmer“, sagt er. „Setz dich. Und nimm dir eine Zeitung. Ich erledige das hier. Mach dir keine Sorgen. Ich bin gleich bei dir. Setz dich bitte.“

Schweigend tippelt eine ältere Dame an mir vorbei. Ihre Schritte sind winzig. Der Weg ist das Ziel. Und das Ziel ist was für Kleingeister. Möglicherweise nimmt man sich alle Zeit der Welt, wenn die Zeit knapper wird. Das ist nicht logisch, aber menschlich.
Im Wartezimmer lässt sich die Frau in einen der Sessel fallen und stöhnt leise. „Meine Brille“, krächzt sie. „Jens-Uwe! Hast Du meine Brille?“
„Ach Mutter“, sagt der Mann, der noch immer am Tresen steht. „Deine Brille hängt an Deinem Hals. Das weißt Du doch! Deine Brille hängt an einer Kette. Damit Du sie nicht verlegst, die Brille.“



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