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Volkmar Wirth (ehemals Wirth-Kresse)

 

 

In den Tiefen des Alltags


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27.06.2021

UNGEFRAGT

Früher wurde mein Vater ab und an von einem Chauffeur zur Arbeit gefahren. Das ist ewig her. Dennoch erinnerte ich mich daran, als ich neulich wieder in einem Taxi saß. Aus gesundheitlichen Gründen habe ich seit einiger Zeit das zweifelhafte Vergnügen, dreimal in der Woche mit dem Taxi kutschiert zu werden. Dabei treffe ich auf die unterschiedlichsten Fahrer. Es gibt die intensiven Schweiger, denen schon das Grüßen eine Zumutung ist. Es gibt die empathisch Interessierten, die einen mit ihren Fragen löchern. Und es gibt die hemmungslos Offenbarer, die plaudern, als würden sie dafür bezahlt. So erzählte mir vorgestern einer ohne jede Vorwarnung seine halbe Familiengeschichte. Als wir schließlich in meine Straße einbogen, gab sich der Fahrer auffallend zerknirscht. „Da sind wir sind ja schon“, brummte er enttäuscht. „Dabei wollte ich Ihnen doch von meiner Jüngsten erzählen, die wieder umziehen will.“
„Vielleicht beim nächsten Mal“, sagte ich, damit der Mann nicht vor lauter Frust die nächste Hauswand ansteuert.
„Sie haben recht“, sagte der Mann erleichtert und bremste. „Von meinem Vater erzähle ich Ihnen dann auch. Seit man ihm die Papiere abgenommen hat, muss ich ihn nun ständig fahren. Ich kann Ihnen sagen!“
Bei den letzten Worten stand ich schon auf der Straße und hatte die Tür höflich zugeschlagen.



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