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Volkmar Wirth (ehemals Wirth-Kresse)

 

 

In den Tiefen des Alltags


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18.07.2021

BEWEGUNG

Als es mir mal nicht gut ging, kaufte ich mir einen kleinen Teppich. Ich brauchte keinen Teppich, aber ich musste irgendetwas kaufen. Ein neues Hemd wollte ich nicht kaufen, Hemden hatte ich schon genug. Aber einen Teppich, ob nun einen großen oder einen kleinen, den hatte ich noch nicht.
Seit dem liegt der geknüpfte Vorleger, na logisch, vor meinem Sofa. Obschon unter dem groben Stoff eine Folie klebt, damit das gute Ding nicht rutscht, bewegt er sich. Der Teppich. Anfangs bemerkte ich das gar nicht, ich wunderte mich nur, dass die Brücke am Ende der Woche anders lag als am Montag. Schließlich musste ich mir eingestehen, dass der Teppich ein Eigenleben führt. Jeden Tag bewegt der sich um wenige Millimeter. Und zwar in Richtung Fenster. Warum er das macht, weiß ich nicht. Ob er die Sonne anhimmelt oder mich einfach ärgern will, keine Ahnung. Passend zu seiner geheimnisvollen Aura, die er mit seinem dezenten Muster ausstrahlt, ist er ein recht schweigsamer Geselle. Egal wie ich ihm gegenüber auftrete, er lässt alles über sich ergehen. Sogar Schimpfworte.
Ich könnte mir seine heimlichen Bewegungen damit erklären, dass man ihn umgangssprachlich auch Läufer nennt. Aber diese Begründung ist mir dann doch zu plump.



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